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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik

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Aber auch die Hoch-Zeiten der Kriegsspannung schien diese über-naturalistische St imm ung überdauern zu sollen, und es schien, alsob auch die ruhige Alltagspolitik der Staaten einer Idee tributpflichtigwerden sollte: derselben Idee, die im Innern der Staaten ihre Herrschaftbegonnen hatte, der Idee des Liberalismus. Denn offenbar wardiese Idee im Spiele, als einsetzend bald nach der Bendigung der Napo-leonischen Kriege gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts die staat-liche Außenpolitik der europäischen Staaten in der Richtung desFreihandels einzuschwenken begann, also der Idee einer durch den freienVerkehr verbundenen friedlichen Tauschgemeinschaft aller Völker,die in Atome aufgelöst gedacht wurden, somit richtiger: aller Einzel-menschen oder Einzelwirtschaften, die sich auf dem Wege des un-gehinderten Warenaustausches zu einem sozialen Kosmos zusammen-schließen sollten, jenem Prunkstück des sozialen Newtonismus, dessenletzter Ausläufer die Freihandelsidee ist.

England ist es, das in den 1840er Jahren zum Free Trade übergeht.Ihm folgen andre Länder: während der ersten Hälfte der 1850er Jahrehaben die meisten Länder Europas ihre Tarife im liberalen Sinne um-gestellt: Preußen, Schweden-Norwegen, Dänemark, Sardinien oderwenigstens gemäßigt: Spanien, Frankreich.

1860 wird der englisch- französische Handelsvertrag abgeschlossen,der Epoche macht: es folgen ähnliche Verträge mit Belgien, Italien, dem Zollverein, Österreich, der Schweiz.

Vielfach war die Idee des wirtschaftlichen Freihandels verwobenmit der demokratischen Nationalitätsidee, die weite Kreise des da-maligen Europa durchglühte, jener Idee, nach welcher die staatlosen,gleichsam hautlosen Nationalitäten, vor allem die kleinen, sämtlichselbständig werden und unter einander in friedliche Beziehungen tretensollten. Das Jahr 1845 bedeutete mit dem Fest der Nationen in London einen Höhepunkt dieser Bewegung, die dann in der Revolution desJahres 1848 sich zu Tode lief.

Sehr tief war auch die eigentliche Freihandelsbewegung wohl niegedrungen: die vitalen Interessen und Instinkte der großen Staatenwaren nie durch sie berührt worden. Rußland war immer seine eigenenWege gegangen, und England, von dem die Bewegung angeregtwar, hatte keinen Augenblick daran gedacht, seine Staatsinteressender Freihandelsidee zu opfern. Als Cobden, der Träger dieser Idee,im Anschluß an seine Anti-Kornzollagitation die Aufgabe des englischenKolonialreichs forderte, wurde er vom englischen Volke völlig im Stich