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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Zweiter Abschnitt: Der Staat

gelassen. Er klagt (1849):Die Mittelklasse hängt dem Kolonialsystemnicht minder an als die Aristokratie, und die Arbeiter sind auch nicht,klüger. Derselbe Cobden äußerte dann (nach Blatchford)im Jahre1861:Ich würde lieber für 100 Millionen £ stimmen, als der französischenFlotte erlauben, daß sie die unsere überwächst, weil ich der Meinungbin, daß ein derartiger Versuch ohne irgendwelchen triftigen Grundschlechte Hintergedanken in bezug auf unser Land einschließt.

Wir müssen uns, um die Tragweite der Freihandelsbewegung richtigabzuschätzen, immer gegenwärtig halten, daß England als Nationam Freihandel interessiert war. Freihandel als Idee und Frei-handel als Interesse sind aber sehr genau voneinander zu trennen.Die Lage ist bekannt: England war nach den Napoleonischen Kriegen,dank seinem raschen industriellen Aufschwung dieWerkstatt desWelt geworden, infolgedessen mit Industrieerzeugnissen, die es nichtalle selbst verbrauchen konnte, überfüllt und auf das lebhaftestedaran interessiert, daß sich ihm die Märkte überall öffneten; es selbstaber brauchte die Einfuhr nicht zu fürchten, da kein anderes Landmit ihm in Wettbewerb treten konnte. Auch als Kolonialland standes, nachdem es Frankreich niedergezwungen hatte, einzig da. England konnte also auch ohne Bedenken den engeren Gehalt der Freihandels-politik die freie Warenbewegung zwischen den einzelnen Ländernals Bestandteil seiner Außenpolitik beibehalten, auch wenn diesePolitik sich wieder nach demrein staatspolitischen Gesichtspunktezu richten begann.

Das aber sollte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein-treten, als die große europäische Politik mittels einer Achsendrehungsich zum Leitmotiv der Staatsinteressen wieder zurückfand, nicht zu-letzt gerade auch durch englische Staatsmänner, wie Palmerston undDisraeli, die eben im Grunde nie aufgehört haben, wirkliche Staats-politik zu treiben, wenn es ihnen auch immer wieder gelingt, mittelsdes von ihnen zur Meisterschaft ausgebildeten Cants dem englischenStaatsinteresse irgendwelches ideologisches Mäntelchen umzuhängenund die weniger gerissenen Politiker der andern Mächte zu täuschen.Nur der größeren Ehrlichkeit der Deutschen ist es zu danken, wennals der Vertreter der nun wieder allgemein befolgtenRealpolitikBismarck erscheint, der vielleicht nur am bewußtesten und zielsicherstentat, was alle andern auch taten: das Staatsinteresse ohne Rücksichtauf irgendwelche übergeordnete Idee zu verfolgen. Daß er diesen Grund-satz schwerer als die Staatsmänner andrer Länder in seinem Vater-