Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik
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lande zur Anerkennung brachte: siehe seine Korrespondenz mit v. Ger-lach und Roon schon in den 1850er und 1860er Jahren, die beide dieIdee der Legitimität gegen die reine Staatsidee verfochten und bei-spielsweise das Bündnis mit Napoleon verabscheuten, wogegen Bis-marck den Grundsatz vertrat: ich würde mich auch mit dem Teufelverbünden, wenn es das Wohl Preußens erheischte — wenn, sage ich,Bismarck länger um die Anerkennung des Staatsräsonprinzips inPreußen-Deutschland zu kämpfen hatte als andre Staatsmänner inihren Ländern, so hängt auch das mit der doktrinären Veranlagungder Deutschen zusammen, die immer ein Faible für „Ideen“, auchdie impraktischsten, gehabt haben. Und nicht minder eine national-deutsche Eigenart tritt in dem Verhalten Bismarcks zutage, wennselbst er nicht dem Grundsatz huldigte: „So was tut man, sagt manaber nicht.“ Genug: Nach verschiedenen Methoden in den verschiedenenStaaten, im Endergebnis gleich, tritt etwa im letzten Viertel des 19. Jahr-hunderts in der auswärtigen Politik Europas ein völliger Wechsel ein,der nun auch die äußere Wirtschaftspolitik von Grund aus änderte,wie im folgenden zu zeigen sein wird.
II. Der Neu-Merkantilismus' Man nennt die äußere Wirtschaftspolitik, die etwa seit der Mitteder 1880er Jahre befolgt worden ist, nicht mit Unrecht Neu-Merkan-tilismus, da sie in der Tat eine Art von Wiedergeburt des Merkantilismusdarstellt: sie nimmt die Fäden dort wieder auf, wo in der Mitte des18. Jahrhunderts die Staatsmänner des merkantilistischen Zeitalterssie hatten fallen lassen: der Gedanke des nationalen Wirtschaftsgebietestaucht wieder auf und der Grundsatz, die einheimische Wirtschaft,namentlich die kapitalistischen Interessen, mit allen Machtmitteln desStaates zu fördern, wird wieder befolgt. Dabei muß man sich des Unter-schiedes bewußt werden, der doch trotz aller Gleichheit zwischen demalten und dem neuen Merkantilismus obwaltet: der neue Merkan-tilismus ist doch in weit größerem Umfange von den Interessen desKapitalismus unmittelbar bestimmt. Früher führte der Staat dieWirtschaft, jetzt leitet die Wirtschaft den Staat.
Sehen wir uns nun die Maßnahmen an, zu denen die neue Wirt-schaftspolitik griff, nm die nationalen Wirtschaftsinteressen zu fördern!Da begegnet uns als erste Tat:
1. die Rückkehr zum Schutzzollsystem. Ihn voll-ziehen in den 1880er Jahren, eins vom andern getrieben, alle Länder