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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik

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englischenempire) bezüglichen Vorgänge und Erscheinungen be-zeichnete, ist sein Sinn im Laufe der Zeit darüber hinausgewachsen,so daß es nunmehr die Ausdehnung der Machtsphäre eines Staatesüber die Grenzen des Mutterlandes hinaus besagen will. Immer sollteman das Wort nur gebrauchen, um damit eine Angelegenheit desStaates auszudrücken, dessen Wesenheit im Imperialismus, wennauch übersteigert, zur Verwirklichung gelangt.

Abwegig und sinnverwirrend ist es, von einem Kulturimperialismus,einem Sozialimperialismus, einem Volksimperialismus, einem Impe-rialismus der mittelalterlichen Kirche, der Mönchsorden usw. zu reden.

2. Die Gründe des ImperialismusDie heute am meisten verbreitete Theorie des Imperialismus istdie marxistische. Danach ist der Imperialismus eine Funktion desKapitalismus in einem bestimmten Entwicklungsstadium: sei es desIndustriekapitalismus im Stadium der Kartellbildung, sei es des Finanz-kapitalismus, eines etwas verschwommenen Begriffes, der aber ganzallgemein in der sozialistischen Literatur zur Bezeichnung der letztenEntwicklungsphase des Hochkapitalismus dient:Der Imperialismusoder die Herrschaft des Finanzkapitals (L e n i n).

Diese Theorie ist falsch oder doch wenigstens einseitig. Ihr Irrtumläßt sich schon auf rein empirischem Wege nachweisen: es gibt Im-perialismus auch dort, wo jene Entwicklungserscheinungen des Kapi-talismus keineswegs die Lage kennzeichnen: weder Rußland nochJapan hatten bis zum Kriege eine wesentliche Kartellbildung odereinen ausgesprochenenFinanzkapitalismus ; in England ist die Kar-tellbildung niemals von großer Bedeutung gewesen, und dasFinanz-kapital war dort nicht der Förderer der Weltreichsiäee, die viel-mehr von den Interessenten der Exportindustrie vertreten wurde; um-gekehrt: es gibt jene Entwicklungserscheinungen des Kapitalismus,ohne daß sie igrendwelche imperialistische Tendenzen im Gefolgehaben: Hauptbeispiel die Schweiz .

Der Irrtum der marxistischen Theorie des Imperialismus liegt, wienicht des näheren dargetan werden kann und braucht, in der grund-sätzlich falschen Auffassung des Marxismus vom Werdegang der Ge-schichte verwurzelt: es ist eben nicht angängig, eine so mächtige Er-scheinung wie den Imperialismus restlos aus der Geltendmachungvon Klasseninteressen zu erklären, seineMassenhafte Gebundenheitzu behaupten, das heißt also letzten Endes: n u r ökonomische Motive

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