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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Zweiter Abschnitt: Der Staat

zu seiner Deutung zuzulassen. Der Haupteinwand gegen die materia-listische Geschichtsauffassung, soweit sie mehr als eineFiktionsein will, bleibt immer der: daß sie armselig, weil blind gegenüberder Fülle der Motive ist, aus denen sich die Welt der Geschichteaufbaut. Es ist eine dogmatische Voreingenommenheit, angesichtsdes Reichtums des Geschehens, in diesem immer nur Eine Kraft wirk-sam zu sehen, deren Vorherrschaft oder Alleinherrschaft zu behauptendurch kein a priori zwingendes Moment gerechtfertigt ist. Wer einmaldie marxistische Brille von den Augen nimmt, der steht zunächst ge-blendet vor der Fülle der Welt und blickt in eine Buntheit des Kräfte-spiels dort, wo er vorher nur ein einheitliches, gleichfarbiges Grau ge-sehen hatte. An keinem Beispiel läßt sich besser die Kurzsichtigkeitoder Grausichtigkeit der marxistischen Theoretiker erweisen als an demBeispiel des Imperialismus. Vielleicht auch läßt sich an keinem Bei-spiel so deutlich machen, was diese Kurzsichtigkeit veranlaßt: es istdie Verwechslung der Erscheinungsform mit dem Wesen der Sache.Hier wie in fast allen andern Fällen, wo eine Deutung der Geschichtemit Hilfe des Ökonomismus versucht wird. Zweifellos nämlich hatder Kapitalismus eine überragende Bedeutung für die Herausbildungdes modernen Imperialismus gehabt; aber nicht deshalb, weil erder einzige Grund dieser Erscheinung gewesen ist, sondern weil erin weitestem Umfange die Form ihrer Auswirkung be-stimmt hat.

Treten wir ohne Voreingenommenheit an die Deutung des Im-perialismus (in dem oben gekennzeichneten Sinn, also als Expansions-tendenz der modernen Großstaaten) heran, so strömen uns die Motivein Fülle zu, aus denen wir diese Bewegung ableiten können. Ich zähledie wichtigsten auf. Es sind folgende:

a) politische, also reine Machtinteressen, sei es in der Offen-sive: abstrakte Ausweitungstendenz des Staates, sei es in der Defensive:Sicherungsbedürfnis nach außen (Frankreich!); Sicherungsbedürfnisnach innen (Rußland!);

b) militärische: die Militärmaschine treibt automatischweiter; so die Schumpetersche Auffassung;

c) nationale: der Drang, den Angehörigen einer bestimmtenNation oder Rasse mehr Geltung auf der Erde zu verschaffen: immanenteTendenz des Slawentums (Panslawismus!), des Angelsachsentums, desItalienertums, nur nicht des Germanentums (es gibt alle Pan-ismen,nur keinen Pangermanismus);