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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik

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d) religiöse: Rußlands Trachten nach Konstantinopel; früher:der Expansionsdrang muhammedanischer Staaten;

e) populationistische: in weitestem Umfange. Die Be-völkerungsinteressen bewirken imperialistische Tendenzen in sehr ver-schiedener Weise:

a) als Streben nach Siedlungsland, um der überschüssigen Bauern-bevölkerung Lebensmöglichkeiten zu schaffen: Japan! Rußland!

Italien!

ß) als Streben nach Kolonialerwerb, Interessensphären usw., umden überschüssigen, namentlich den intellektuellen, Mittelstand unter-zubringen : Deutschland!

y) als Streben, die eigene Staatsbevölkerung zu vermehren.Das ist der paradoxe Fall Frankreichs: Imperialismus aus Unter-völkerung: Ergänzung der weißen Franzosenschaft durch 60 MillionenNeger!

f) endlich und gewiß nicht zum wenigsten: kapitalistische.

Indem wir die kapitalistischen Motive des modernen Imperialismus

uns vergegenwärtigen, bestimmen wir gleichzeitig

3. die Bedeutung des Imperialismusfür die Entwicklung des Hochkapitalismus, der wir unser besonderesAugenmerk widmen müssen. Denn das ist ja die Fragestellung, dieuns in diesem Zusammenhänge in erster Reihe angeht: nicht, welcheBedeutung hat die Wirtschaft für die Entstehung und Entfaltung desImperialismus, sondern umgekehrt: was bedeutet dieser für jene. Dasläßt sich zusammenfassend etwa in folgenden Sätzen sagen.

Der Imperialismus, dessen ökonomischer Ausdruck der Neumerkan-tilismus ist, hat dies gilt zunächst im allgemeinen dem Kapitalis-mus die Hilfsmittel einer starken Staatsgewalt zur Verfügung gestellt:wie dieser aus einem starken Staatensystem hervorgegangen ist, so reifter in einem starken Staatensystem aus. Die liberalen Ideen von derfreischwebenden Konkurrenz von Einzelwirtschaften haben sich fürden Kapitalismus (in seiner Auswirkung auf dem Weltmärkte) als un-geeignet erwiesen. Im Innern hat er sich aus eigner Kraft die nötigenMachtmittel geschaffen, indem er größtenteils die Funktionen desStaates auf sich übernommen hat. Im Verkehr mit dem Auslandekonnte er diese selbständigen, staatlichen Machtmittel nicht entbehren,und erst durch sie ist er zu der formidabeln Größe erwachsen, die erheute erreicht hat.