Siebentes Kapitel: Der neue Geist
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einen tieferen Sinn. Denn da sie bewußt auf wirkliche Erkenntnisverzichtet, so wäre ihr Verfahren, die Welt in ein Beziehungssystemaufzulösen, ein müßiges Spiel, wenn es eben nicht sehr handfestepraktische Erfolge erzielte.
Umgekehrt kann und will die moderne Technik keinen Schrittohne das Rüstzeug naturwissenschaftlicher Erkenntnis tim.
Wie eng die beiden Geistesgebilde Naturwissenschaft und TechnikZusammenhängen, erweist mit besonderer Deutlichkeit das Verhältnisihrer Betätigungsformen zueinander: die Naturwissenschaft bautsich auf „Entdeckungen“ auf, das heißt neuen Einsichtenin die Zusammenhänge der Natur, richtiger: neuen Formeln für dieseZusammenhänge; die Technik auf „Erfindungen“, das heißtneuer Verwendung (Zusammenfügung, Kombination) natürlicher Dingezu praktischen Zwecken. Nun ist nachweislich nie eine wesentlicheEntdeckung gemacht ohne daraus fließende Erfindung; nie eine Er-findung ohne vorauf gegangene Entdeckung; oft ist die Entdeckunggeradezu das Ergebnis der voraufgegangenen Erfindung, wie bei mehrerenGalilei sehen Gesetzen; oft aber ist die Entdeckung selbst schoneine Erfindung, wie häufig in der Chemie: Entdeckung der Syntheseeines nützlichen Stoffes!
Angesichts dieser wesenhaften Verknüpfung von Naturwissenschaftund Technik ist es eine müßige, ja falsche Frage (die ich selbst einstgestellt habe): welche von beiden genetisch die frühere sei, welchedie andere erzeugt habe. Sie sind eben eins, und dadurch ist ihr Ent-wicklungsgang derselbe.
Wir können deshalb die Etappen der modernen Technik in großenZügen aus den Etappen der Ausbildung naturwissenschaftlicher Er-kenntnis bestimmen. Etwa so:
In der Mechanik: Grundlegung der neuzeitlichen Mechanik durchGalilei-Newton; Begründung der analytischen Mechanik durch Euler-Maclaurin-Lagrange; Begründung der Kräftelehre durch Poinsot(Rotationstheorie!) Robert Mayer u. a.;
in der Chemie: Begründung der modernen Chemie durch Lavoisier-Priestly; Eindringen der Chemie in die organische Welt: Wöhler,Justus v. Liebig; Begründung der Stereochemie durch Kekule-van t’Hoff;
in der Elektrizität: Begründung der Elektrizitätslehre durch Fara-day-Ampere; Begründung der Leitungslehre durch Gauß-Weber; Be-gründung der Lehre von den elektrischen Wellen durch Maxwell-Hertz.