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Dritter Abschnitt: Die Technik
Ein Seitcnstiick zu diesem Beispiel aus der mechanischen Industriebildet die Wirkung der von Reuleaux so glänzend entwickelten Zwangs-lauflehre, die „eine Flut von Erfindungen auslöste, denn mit ihrer Hilfekonnte man ja planmäßig erfinden.“ A. Biedler, EmilRathenau (1916), 107.
Die objektiven Bedingungen gestalten sich in einer der Erfinder-tätigkeit homogenen Weise ferner dadurch, daß
2. die günstige Aufnahme der Erfindung in unserer Zeitgewährleistet ist. Dafür sorgt
a) die auf Technik eingestellte Zeitstimmung.Die geistige Atmosphäre ist heutzutage gleichsam von Technik,technischen Problemen, technischen Ideen geschwängert. Die Zeitwartet auf Erfindungen. Der Technik werden „Ruhmeskränze“ ge-flochten: der Techniker wird gefeiert und geehrt. Nicht wie in früherenKulturen ignoriert, mißachtet oder gar gekreuzigt und verbrannt.
Man denke etwa an das Verhältnis des Griechentums oder des euro-päischen Mittelalters zur Technik. Man erinnere sich aber auch, daßnoch im Zeitalter des Frühkapitalismus eine ausgesprochen feind-selige Stimmung gegenüber dem Erfinder und allen technischen Neue-rungen herrschte: siehe Band I Seite 463 f., Band II Seite 50 f.
Die günstige Aufnahme, der in unserer Zeit die Erfindung gewißist, wird ferner
b) dem auf die Ausweitung der materiellen Kulturgerichteten Streben unserer Zeit geschuldet. Die Bedürfnisseder Menschen vermehren sich in „geometrischer Progression“, so daßj ede neue Erfindung, die abermals ein materielles Bedürfnis zu befriedigenverspricht, leicht verwertet werden kann. Ja man kann sagen, daß dieErfindungen ihrerseits zu dieser Ausdehnung der Bedürfnisse wesentlichbeitragen, sofern jede neue Erfindung neue Bedürfnisse schafft unddamit wiederum ein Betätigungsfeld für neue Erfindungen.
A. Dubois-Reymond ist diesem Gedanken in seinem schönen Buchenachgegangen und hat viel Beachtenswertes über dieses Problem des Zu-sammenhanges zwischen Bedürfnis und Erfindung gesagt, ohne es jedochzu erschöpfen. Man kann folgende Fälle feststellen, in denen Bedürfnisse,durch Erfindungen geweckt werden: 1. den Fall, in dem das Bedürfnisgleichsam aus dem Nichts entsteht: Messung des Blutdrucks seit der Er-findung des Barometers; 2. den Fall, in dem die partielle Befriedigung einesBedürfnisses durch eine Erfindung zur Verwöhnung führt und auf immerweitere Vervollkommnung drängt: Beleuchtungstechnik; 3. den Fall, indem eine Erfindung, wie es Dubois-Reymond nennt, „Unterbedürf-nisse“ schafft, wie z. B. die Erfindung des Telephons einen Bedarf an zahl-reichen Gegenständen (von denen man vorher nichts gewußt hatte) erst ins