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Zehntes Kapitel
Begriff und Wesen des Kapitals
1. Kapital habe ich (Band I Seite 324) diejenige Tauschwertsummegenannt, die einer kapitalistischen Unternehmung als sachliche Unter-lage dient. Das Wort soll also gleichbedeutend mit dem von der doppeltenBuchhaltung erfaßten Geschäftsvermögen sein und bezeichnet zunächsteine einzelwirtschaftliche Erscheinung. Das gesellschaftliche Gesamt-kapital ist nichts andres als die begrifflich als Einheit gefaßte Summeder Einzelkapitale. Eine höchst unvollkommene und doch, wie sichzeigen wird, unvermeidliche, weil einzig mögliche Begriffsbestimmung.
2. Die Analyse des Begriffs ergibt folgenden Tatbestand:
a) Der Begriff ist ein ,,F u n k t i o n s b e g r i f f“: er drückt dieBeziehung einer Tauschwertsumme in einem bestimmten Zweckzu-sammenhang aus. Ist also kein „Dingbegriff“, der etwa irgendwelcheSachgüter bezeichnete. Diese sind vielmehr immer nur Symbole desKapitals. Es gibt so viele Symbole als es Sachgüter gibt, die beimAufbau einer kapitalistischen Unternehmung mitwirken: Geld, Pro-duktionsmittel, Lebensmittel, Waren. Alles dieses kann Kapitalsein, braucht es aber nicht. Alle diese Sachdinge sind Erscheinungs-formen des Kapitals, Kleider, in die das Kapital sich hüllt, „eingekleidet“(„investiert“) wird. Oder wie es J. St. M i 11 in einer Formel be-deutungsvoll ausgedrückt hat: „the distinction between Capital andnot Capital does not lie in the k i n d of commodity, but in the m i n dof the owner“.
b) Der Kapitalbegriff ist ein historisch- ökonomischer Begriff,das heißt ein solcher, der aus dem Zweckzusammenhange eines be-stimmten Wirtschaftssystems — des kapitalistischen — heraus ge-bildet ist. Es ist irreführend, den Begriff für andre Wirtschaftssystemezu verwenden. Erst seit im kapitalistischen Denken das Geschäfts-vermögen verselbständigt worden ist, hat dieses einen bestimmten,klar umschriebenen Sinn bekommen, während vordem und ohnedemdie Kategorien Produktionsmittel und Subsistenzfonds selbständignebeneinander bestanden. Ist ursprünglich und seiner strengen Be-
Sombart, Hochkapitalismus. 9