Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals
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Diese Definitionen sind richtig, wenn unter Profit Ertrag einer kapita-listischen Unternehmung, unrichtig (weil zu weit), wenn darunter der Er-trag eines Erwerbsvermögens schlechthin verstanden wird. Denn dasWuchervermögen (beispielsmäßig) ist kein Kapital. Erwerbsvermögen undKapital sind nicht gleichbedeutend.
Zu eng fassen den Begriff:
Jevons, der das „eigentliche“ Kapital, das „free Capital“, im Gegen-satz zum „fixierten“ Kapital, bezeichnet als „the wages of labour eitherin its transitory form of money or its real form of food and other necessitiesof life“. Hier ist der Mehrwert unberücksichtigt gelassen (siehe oben) undaußerdem sind die Anlagen ausgeschlossen, was mir willkürlich erscheint.
Schumpeter definiert (nach F. B. Hawley): „eine Summe von Geldoder von Zahlungsmitteln, welche zur Überlassung an Unternehmer injedem Zeitpunkt verfügbar ist“, „Zahlungskraft des Unternehmers“. Daskönnte gelten, wenn der Begriff des Unternehmers nicht auf den „schöpfe-rischen“ Wirtschaftsleiter eingeschränkt wäre. Eine traditionalistisch ar-beitende Aktiengesellschaft hat aber doch wohl auch ein „Kapital“ ?
Am nächsten kommen meiner Kapitaldefinition die Auffassungeneiniger Klassiker, namentlich Ricardos und diejenige von Karl Marx.
3. Bei der Wichtigkeit des Gegenstands will ich ausnahmsweiseeinen Überblick über die dogmengeschichtliche Ent-wicklung des Kapitalbegriffes geben.
Ob der Ursprung des Begriffes im Sicherstellungsvertrage liegt, wo-nach Capita das Stammvieh bedeuten würden, wie es die geistvolleStudie von Michael Hainisch will, lasse ich dahingestellt.Die Annahme hat viel, das für sie spricht. Die historisch verbürgtenBedeutungen sind folgende:
(1) Im Altertum und Mittelalter ist Kapital die Stammsumme imGelddarlehen = xscpaXeiov, capitalis pars debiti im Gegensatz zu denZinsen, bedeutet also soviel wie Erwerbsvermögen.
Noch bei Krünitz wird Kapital definiert als eine „Summe Geldes,sofern sie dazu bestimmt ist, Gewinn zu bringen im Gegensatz dieses Ge-winnes“.
(2) Bei den Klassikern bleibt diese Auffassung im wesentlichen be-stehen, nur daß sie statt „Geld“ „Tauschwertsumme“ setzen:
Turgot : „la somme des capitaux, c’est-ä-dire la somme actuellesdes valeurs mobiliaires de toute espece, accumules . . . pour etre employesä procurer au possesseur de nouveaux revenus et de nouveaux profits.“
Ad. Smith: „his whole stock is distinguished into two parts. Thatpart which he expects is to afford him this revenue is called his capita].The other is that which supplies his immediate consumption . . . Thegeneral stock of any country or society is the same with that of all itsinhabitants or members and therefore naturally divides itself into thesame . . . portions.“