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Erster Abschnitt: Das Kapital
(3) In dieser Begriffsbestimmung durch Ad. Smith steckt nunaber der Keim zu einer höchst unglücklichen Auffassung vom Kapital,die lange Zeit hindurch namentlich in der deutschen Professoren-literatur geherrscht hat, und der man noch heutigentags in rückständigenLehrbüchern begegnet, zu der Auffassung nämlich, wonach Kapitalsoviel wie „Produktionsmittel“ oder „produzierte Produktionsmittel“sein soll. Die Lehre von den „drei Produktionsfaktoren“ „Natur,Arbeit, Kapital“ schließt sich dann füglich an diese Begriffsbestimmungan. Der Unfug ist wie folgt entstanden:
Wenn man, wie es Ad. Smith tut, den „Stock for immediateconsumption“ dem Kapital gegenüb erstellte, so lag die Annahme nahe,daß das Kapital ein „stock for production“ sei. Das war auch die An-sicht der Klassiker gewesen. Nur daß sie darunter, weil sie stillschweigendbei ihrer Begriffsbestimmung von der kapitalistischen Produktions-weise ausgingen, auch die Lebensmittel (Einkommensgüter) der Lohn-arbeiter mitverstanden. Solange man also Produktion und kapitali-stische Produktion gleichsetzte, konnte es bei der BegriffsbestimmungKapital = Produktionsfonds sein Bewenden haben: man traf dasRichtige; man erfaßte mit der Begriffsbestimmung jenes lebendigeEtwas, das heute im Mittelpunkt alles Wirtschaftslebens steht undgemeint ist, wenn man von dem Kapital einer Aktiengesellschaftspricht. In dem im wesentlichen noch handwerkerlichen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts fiel nun aber die Gleichsetzung von Pro-duktion und kapitalistischer Produktion dahin. Man hörte infolge-dessen auf, Produktion als einen historisch - ökonomischen Be-griff zu fassen und bemühte sich, eine allgemeine Produktionslehre zuschaffen. Für eine solche konnte aber — zumal, wenn man in das Tech-nische abbog — der stock for production, der Produktionsfonds, nicht auchEinkommensgüter mit umfassen. Man beschränkte den Begriff also aufdie zur Produktion bestimmten Güter, und das sind eben die Produk-tionsmittel oder — wenn man genauer sein will — die Arbeitsmittel.
Die Folgen dieser imsinnigen Begriffsbestimmung waren verheerend:man kam dazu, einerseits meinen Federhalter Kapital zu nennen, dennoffenbar ist er ein „produziertes Produktionsmittel“, andrerseits ver-mochte man das Kapital einer Aktiengesellschaft nicht mehr als Kapitalzu bestimmen. Denn derjenige Betrag dieses Kapitals, der für Arbeits-löhne und somit für Einkommensgüter auf gewendet wird, fiel ja nichtmehr unter den Schulbegriff „Kapital“, da er nicht aus „produziertenProduktionsmitteln“ bestand.