Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 155
tritt: immer ist der wesentliche Inhalt derselbe: es wird bestimmt, daßirgend etwas neu produziert werde, was bis dahin noch nicht produziertwurde. Dieses Irgendetwas kann ein Beliebiges sein: Automobile, Eisen-bahnschienen, Spitzenhemden: es muß immer auch ein Bestimmtessein: Unterhaltsmittel für die neu zu beschäftigenden Arbeitskräfte.Denn es muß gegenwärtig bleiben, daß die Gesamtheit der „ersparten“Beträge den Lohnfonds vergrößert, und daß sparen zunächst nichtsanderes bedeutet, als die Abtretung von Einkommensrechten an dieLohnarbeiter. Spart die Kapitalistenklasse, spart die Arbeiterklasse:es bleibt sich gleich: in beiden Fällen bedeutet es, daß man seine An-sprüche an das gesellschaftliche Einkommen herabsetzen will, um Zu-satzarbeitem die Existenz zu ermöglichen.
Einen Abzug von den „ersparten“ Beträgen bilden die Anleihen zukonsumtiven Zwecken, die die Einkommensbeträge späterer Jahre jetztverzehren. Falls sie zurückgezahlt werden, vermehren sie um den zurück-gezahlten Betrag die Sparbeträge des späteren Jahres. Diese Beträgebilden unter Umständen einen sehr wichtigen Zuwachs des Kapitalfonds.Haussezeiten werden häufig durch Rückzahlungen öffentlicher Anleiheneingeleitet. Ich habe das für die deutschen Verhältnisse in meinemReferat auf der Generalversammlung des V. f. SP. 1903 ziffernmäßig nach-gewiesen. Allgemein behandelt diese Zusammenhänge in anschaulicherWeiseCassel, Theoretische Sozialökonomik, §§ 6, 22, 25.
2. Über die „Bedeutung“ des „Sparens“ für die Kapitalbildungsind ganze Bibliotheken geschrieben worden.
Töricht ist es, sie völlig leugnen zu wollen, wie es manche Sozialistentim, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein sehr beträcht-licher Teil des Kapitals auf dem Wege entsteht, den ich eben als dendes „Sparens“ gekennzeichnet habe.
Ebenso töricht ist es, das Sparen als den einzigen Grund der Kapital-bildung anzusehen. Alle direkte Kapitalbildung erfolgt ohne irgend-welchen Sparakt.
Offenbar ist die Diskussion dadurch in ihrer Klarheit und Ergiebig-keit stark beeinträchtigt worden, daß man auch hier wieder ethischemit rein ökonomischen Gesichtspunkten verquickte. Mit Recht hatsich der ganze Spott der sozialistischen Theoretiker auf diejenigenApologeten der kapitalistischen Wirtschaft entladen, die in jedem Spar-akt eine sittlich wertvolle Handlung erblickten und den Kapitalzinsals „Entbehrungslohn“ zu rechtfertigen versuchten. Wenn ein Trust-magnat mehrere Dutzend Millionen Dollar im Jahre vereinnahmt, soliegt wahrhaftig keine irgendwie ethisch zu belobigende Tat vor, wenn