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Erster Abschnitt: Das Kapital
er davon die Hälfte nicht zum Verzehr bringt, sondern wieder in Ge-schäften anlegt. Und ganz gewiß ist es lächerlich, die Dividenden undZinsen, die er aus diesem als Kapital verwandten Betrage erzielt, als„Entbehrungslohn“ zu kennzeichnen und damit „rechtfertigen“ zuwollen. Aber die Tatsache bleibt als Tatsache bestehen, daß er — wenner von einem Einkommen von 20 Millionen 10 Millionen nicht zukonsumtiven Zwecken verwendet —, 10 Millionen „erspart“ hat.
Man entkleide also den Begriff des Sparens jedes ethischen Be-hanges, fasse ihn in seiner rein ökonomischen Bedeutung und er wirdgute Dienste tun. Das zeigt sich erst in voller Klarheit, wenn wir nun-mehr Ausschau halten nach den Bedingungen, von denen die Höheder ersparten Beträge, also in unserer Wortgebung: die Höhe des po-tentiellen Kapitals abhängig ist.
3. Die Umstände, von deren Gestaltung die Höhe des po-tentiellen Kapitals, also die Größe der ersparten Beträge abhängt,sind folgende:
a) die erste und wichtigste Voraussetzung der Kapitalentstehungist die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion (beigleichbleibender Produktion findet keine Kapitalneubildung statt).Die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion hängt ab von dergesellschaftlichen Produktivkraft. Je größer diese, desto größer also— unter sonst gleichen Umständen — das potentielle Kapital. DasVerbindungsglied, das diesen Zusammenhang herstellt, ist die Höhedes Einkommens, in Sonderheit des Mehrwertes, dessen absolute Er-höhung die Sparmöglichkeit steigert.
Daß die gesellschaftliche Produktivkraft während der hochkapita-listischen Periode eine Steigerung erfahren hat, ist evident. Am Schlüssedieses Kapitels werde ich die Tatsache in einigen Ziffern noch zumAusdruck bringen. Im übrigen verweise ich auf den ganzen folgendenUnterabschnitt.
b) Ist durch den Umfang der gesellschaftlichen Mehrproduktionder absolute Betrag der sparbaren Teile des Einkommens gegeben,so wird des weiteren die Höhe der ersparten Summe beeinflußt durchdie Einkommensverteilung und demgemäß die Vermögens-bildung. Es gilt der Satz: je größer die Einzeleinkommen (Vermögen),desto größer — unter sonst gleichen Umständen — das' potentielleKapital. Die Begründung ist einfach: je größer das Einkommen (Ver-mögen) einer Person, desto leichter ist, bei einem Sparwillen von ge-gebener Stärke, der Verzicht auf individuellen Verzehr.