Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie
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bestimmt wird. Von ebenso großer Bedeutung sind die durch die Eigen-art der Produktion und Verteilung geschaffenen Lebensbedingungen.Und es würde selbstverständlich eine durch nichts gerechtfertigte Ein-seitigkeit sein, wollte man die aus den gesellschaftlichen Beziehungender Menschen folgenden Einwirkungen auf den Gang und Stand derBevölkerung auf den Umkreis der wirtschaftlichen Erscheinungen be-schränken. Es ergeben sich unzählige Möglichkeiten der Beeinflussungaus anderen Zusammenhängen her: Stand, Beruf, Partei, Familie,Kirche, Sekte.-
Es ist nun die Aufgabe jeder guten Bevölkerungslehre, diese dreiUrsachenreihen und innerhalb jeder einzelnen die verschiedenenUrsachenkomplexe zwar in ihrer gegenseitigen Bedingtheit und somitAbhängigkeit voneinander, aber doch — das ist der Springpunkt — inihrer Eigengesetzlichkeit zu erfassen.
Aus diesen Anforderungen ergeben sich ohne weiteres eine Reihevon Grundgedanken, von denen jede lebendige Bevölkerungstheoriegetragen sein muß. Erstens und vor allem müssen wir uns klar sein,daß sich über Bevölkerungswesen immer nur zeitlich und örtlich be-dingte Aussagen machen lassen. Der Gedanke Marxens, daß es nurhistorische, keine allgemeinen „Bevölkerungstheorien“ oder, wie er inseiner Sprechweise sagte, „Populationsgesetze“ geben kann, ist durchausrichtig und hat als Grundlage jedes Räsonnements über die Bevölkerungzu dienen. Wie man die zeitliche und räumliche Abgrenzung vornehmenwill, hängt vom wissenschaftlichen Takte ab. „Kulturperioden“ werdensich als solche Bereiche am ehesten eignen. Das „Zeitalter des Hoch-kapitalismus“ ist zum Beispiel eine solche Kulturperiode, die ihre Be-zeichnung vom Wirtschaftlichen her empfängt, nicht aber, weil diesesganz allgemein der primär bestimmende Faktor im Kulturleben ist,wie eine einseitige und falsche Geschichtsphilosophie will, sondern weiles das Schicksal unserer Zeit ist, daß in ihr — und vielleicht für alleEwigkeit nur in ihr — ein Primat der Wirtschaft besteht.
Aber ich glaube, man wird noch weiter gehen müssen als Marxund den Bereich, innerhalb dessen sich allgemeine Sätze über denGang und Stand der Bevölkerung aussagen lassen, noch weiter ein-engen und ihn auf einzelne Gruppen der Bevölkerung: Schichten,Klassen, Religionsgemeinschaften usw., beschränken müssen. Jede dieserGruppen hat ihr eigenes „Bevölkerungsgesetz“ oder hat wenigstenseigenartige Tendenzen, die die Gestaltung der Bevölkerung be-herrschen. Es kann hier eine Übervölkerung, dort eine Untervölkerung,