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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Einundzwanzigstes Kapitel

Die soziologische Theorie

Ich spreche von einer soziologischen Theorie der Bevölkerung, ob-wohl es vielleicht weder eine Theorie noch etwas Soziologisches ist, wasich im Sinne habe. Wir werden sehen. Zunächst will ich sagen, welcheAufgaben ich einer Lehre von der Bevölkerung stelle.

1. Sie soll sich dadurch von allen anderen Bevölkerungslehren unter-scheiden, daß sie allseitig ist. Das heißt: sie muß alle Seiten des Be-völkerungsproblems (im soziologischen Sinne selbstverständlich, dennohne diese Beschränkung verirren wir uns in Geburtshilfe, Säuglings-pflege und Seuchenschutz) in Betracht ziehen, muß alle Umständeberücksichtigen, die auf die Gestaltung der Bevölkerung Einfluß aus-üben können und muß alle Wirkungen verfolgen, die von dieser aus-gehen können.

2. Diese allseitige Bevölkerungslehre wird zum Ausgangspunkt ihrerBetrachtung die Einsicht nehmen, daß die Bevölkerungsbewegung dasErgebnis des Zusammenwirkens dreier Ursachenreihen ist:

a) einer biologisch-technologischen, in der alle diejenigen Ein-wirkungen enthalten sind, die aus der natürlichen Beschaffenheit derRassen und Völker und ihrer Zeugungsfähigkeit, aber auch aus dentechnischen Hilfsmitteln sich ergeben, über die eine Bevölkerung zwecksVerhütung von Tod oder Leben verfügt: Berücksichtigung der Hygienegehört ebenso hierher wie die der antikonzeptionellen Technik u. dgl.

Die zweite Ursachenreihe, von deren Wirkung die Gestaltung derBevölkerung abhängig ist, ist (b) die psychologische. Hierhin gehörenalle Einflüsse, die aus der seelischen Haltung der Menschen für dieBevölkerungsbewegung sich ergeben: Wille zur Fortpflanzung, Stellungzmn Familienproblem, zu den Kindern usw.

Die dritte Ursachenreihe endlich, die in Betracht zu ziehen ist, ist(c) die soziologische. Unter den soziologischen Bedingungen, die fürdie Bevölkerung von Bedeutung sind, stehen natürlich die Verhältnisseder Wirtschaft obenan. Man darf aber nicht nur an den Nahrungs-spielraum denken, der durch die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft