Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie
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Dafür sprechen zunächst einige Stellen des Textes, an denen er aus-drücklich von der Schaffung einer „relativen, das heißt mit Bezug aufdas mittlere Verwertungsbedürfnis des Kapitals überschüssigen Bevölke-rung“ spricht; siehe z. B. I 4 , 594, 598. Vgl. auch noch die Stelle in den„Theorien über den Mehrwert“ Bd. II Teil II Seite 243: „Soll dieAkkumulation ein stetiger, fortlaufender Prozeß sein, so ist dieses absoluteWachstum der Bevölkerung, obgleich sie relativ gegen das angewandteKapital abnimmt, Bedingung. Vermehrung der Bevölkerung erscheint alsGrundlage der Akkumulation als eines stetigen Prozesses.“
Wichtiger noch und beweiskräftiger scheint mir die Tatsache zu sein,daß Marx selbst das Bedürfnis gefühlt hat, über die absolute Vermehrungdes Proletariats Sätze aufzustellen, die mit seinem „Populationsgesetz“ ingar keiner Beziehung stehen. Sie gipfeln im wesentlichen in dem schon beiden Klassikern vorhandenen Zeugungsoptimismus, nach dem, wie wirsahen, die Lohnarbeiter sich mindestens in dem Maße vermehren werden,in dem es ihnen der Arbeitslohn gestattet (siehe z. B. I 4 , 544, Theorien überden Mehrwert II, 2, 243) sowie in der von Sismondi besonders vertretenen,aber auch schon vor ihm geäußerten Ansicht, daß die Bevölkerungszunahmeim umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Einkommens erfolge, nach demSatze von Adam Smith : „Poverty seem favourable to generation“.Siehe z. B. I 4 , 607, 608.
Neben diesen kritiklos übernommenen Gemeinplätzen finden sich dannbei Marx auch Ansätze zu einer soziologischen Theorie der Bevölkerung,die aber nicht zur Entfaltung gelangt sind; siehe z. B. I 4 , 607.
Wir sehen also an dem Beispiele von Marx (dem natürlich alle marxisti-schere Bevölkerungstheoretiker, wie Kautsky, Loria u. a., gefolgt sind),daß eine rein ökonomistische Theorie, auch wenn sie richtig ist, nicht ge-nügt, um das Problem der Arbeiterbeschaffung aufzuhalten. Dazu bedarfes einer soziologischen Theorie.
Ich versuche nun, im folgenden Kapitel zunächst einmal die Fragenzu stellen, auf die eine solche Theorie Antwort geben muß, um dannin den beiden folgenden Abschnitten die Antworten selbst zu geben.