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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
Vervollkommnung des Verfahrens und Expansionskonjunktur sind dieUrsachen dieser periodischen Überzähligmachung von Arbeitern, derenUmfang aus den Ziffern der Arbeitslosenstatistik abgelesen werden kann.
Ebenso richtig wie diese Feststellung einer stets sich erneuerndenrelativen“ Übervölkerung ist, ebenso ungeheuerlich ist der Gedanke,aus denselben Ursachen, die zur Bildung einer industriellen Reserve-armee führen, das Wachsen der Durchschnittsgröße des Proletariatsableiten zu wollen. Diese Durchschnittsgröße aber muß wachsen, wenndie Produktion sich ausdehnen, kapitalistisch gesprochen: wenn „ak-kumuliert“ werden soll. Man kann nicht akkumulieren, ohne daß derLohnfonds wächst. Denn aus nichts anderem als aus diesem wirdakkumuliert. Man kann wirklich die Produktion nicht ausdehnen, in-dem man immer mehr Arbeiter entläßt. Und schließlich sollten dochauch die Ziffern unserer Berufs- und Gewerbezählungen oder dieStatistiken der zur Auszahlung gelangenden Arbeitslöhne uns nichtdarüber im Zweifel lassen, daß heute mehr Lohnarbeiter beschäftigtund mehr Arbeitslöhne bezahlt werden als vor hundert Jahren.
Die Sache liegt also so: Will man das Marxsche „Populations-gesetz“ für die absolute Zunahme des Proletariats gelten lassen, soenthält es schieren Unsinn; will man es auf die Bildung einer relativen(periodischen) Überzähligmachung von Arbeitern beschränken, so giltes (als „Tendenz“), ist aber — und das muß nun hinzugefügt werden —als „Populationsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise“ un-zureichend. Die entscheidenden Vorgänge der Bevölkerungsbewegungberührt es nicht.
Es ist eine dogmengeschichtlich nicht uninteressante Frage, die bisheute noch nicht einwandfrei in einem eindeutigen Sinne beantwortet istund vielleicht angesichts der unbestimmten Ausdrucksweise von Marxnie beantwortet werden kann: wie Marx selbst den Geltungsbereichseines „Gesetzes “ habe abgrenzen wollen. Vor langen Jahren habe ichdarüber mit Julius Wolf gestritten; siehe das Archiv Band VI. Wolfhatte in seinem Buche: „Sozialismus und kapitalistische Wirtschafts-ordnung“ (1892) angenommen, daß Marx den Unsinn wirklich behauptethabe, das variable Kapital und somit die Lohnarbeitermenge nehme ab-solut beständig ab. Ich verteidigte Marx und versuchte den Nachweis zuführen, daß Marx immer nur die Bildung einer „relativen“ Uberschuß-bevölkerung im Sinne gehabt habe. Ich muß heute zugeben, daß der Textbei Marx beide Auffassungen zuläßt. Immerhin lassen sich, wie ichauch heute noch glaube, Gründe dafür beibringen, daß Marx sein Gesetzdoch nur für die Bildung der „relativen“ Übervölkerung habe gelten lassenwollen.