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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte 327

bis 1880, in Brasilien bis 1888, inÄgypten bis 1895, und im Innern Afrikas ,kann man sagen, bestellt sie noch. Die europäischen Mächte haben ver-schiedene Maßnahmen getroffen, um den (Neger-) Sklavenhandel zubekämpfen (Brüsseler Antisklavereiakte von 1890 u. a.); doch ist dievöllige Beseitigung dieser Einrichtung bis heute nicht gelungen.

In Ostafrika besteht noch heute eine Art von Sklaverei zu Recht beiMuselmanen wie Negern, die man ihres milden Gepräges willen alsHörigkeit oderHaussklaverei zu bezeichnen beliebt. Die letztenZählungen (oder Schätzungen) vor dem Kriege ergaben einen Sklaven-bestand in Zanzibar von über 50 % der Bevölkerung, in Britisch-Ostafrika von 70%, in Deutsch-Ostafrika von 205000 Köpfen.Die gesamte Nelken-kultur in Zanzibar beruhte auf der Sklaverei, ferner die Zucker- und Reis-pflanzungen vonPangani und amRufidji, die Kultur der Kokospalme usw.Fritz Weidner a. a. O. Seite 36ff., 145. Sogar die Sklavenjagden undSklavenausfuliren aus Ostafrika haben jedenfalls bis 1888 in voller Blütegestanden; a. a. O. Seite 64ff., 91 ff.

Wie lange und in welchem Umfange der Kolonialkapitalismus vonder echten Sklaverei auch in der neueren Zeit Nutzen gezogen hat,wird sich ziffernmäßig schwer feststellen lassen. Immerhin steht außerZweifel, daß sie ihm bei der Beschaffung der nötigen Arbeitskräftegroße Erleichterungen gewährt hat.

Colonial slavery in its various forms has been the principal means ofraising that great produce for exportation, for which prosperous coloniesare remarkable. Until lately, nearly the whole of the exported produce ofthe United States, consisting of sugar, rice, tabacco and cotton was raisedby the combined and constant labour of slaves; and it could not havebeen raised under the circumstances by any other means. The like casesof the West India and Brazil would have occurred to you without beingmentioned. Wakefield, a. a. O. S. 176.

Die Bedeutung der Sklaverei für den Aufbau des Hochkapitalismuskönnen wir uns am ehesten ins Gefühl bringen, wenn wir an das Zustande-kommen größerer Werke denken. Zum Beispiel an die Tatsache, daß derSuezkanal noch von echten Sklaven erbaut ist. In dem Vertrage, denLesseps mit dem Kediven abschloß, war die kostenlose Lieferung von20000 Fellachen vorgesehen, die erst später gegen eine Geldzahlung von67 Mill. Franken abgelöst wurde.

Auch die ägyptische Baumwollkultur mitsamt ihren Bewässerungs-anlagen ist mit Sklavenarbeit ins Leben gerufen. Im Jahre 1848 zähltedie der Zwangsarbeit unterliegende Bevölkerung in Ägypten noch684000 Köpfe, 1880 188000. Nach englischen Blaubüchern. Th. Rothsteina. a. O. Seite 20.

Sehr interessante Schlüsse lassen sich auch aus den Gesetzen undVerordnungen ziehen, die in neuerer Zeit zumSchutze der Eingeborenenerlassen werden. Aus ihnen spricht die Tatsache, daß fast überall in dentropischen Kolonien noch heute irgendwelche Formen der Unfreiheit er-