Zweiundzwauzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte
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Ein Land, in dem die neuzeitliche Form der Sklaverei ein besondersreiches Feld der Betätigung gefunden hat, ist Südafrika. Sowohl dieDiamantgruben wie die Goldbergwerke sind von solchen „Kontrakt-arbeitern“, die tatsächlich nichts anderes als Sklaven sind, ausgebeutetworden. Von den Zuständen in den Diamantgruben entwirft JamesBryce ein anschauliches Bild in einem Bericht, den er über eine Beisein jene Gegenden verfaßt hat: in dem Kimberley-Distrikt finden sich An-gehörige aller Stämme Afrikas zusammen. Es sind zwar formell „freie“Lohnarbeiter. Aber sie werden wie Sklaven gehalten in den sog. „Com-pounds“. Das sind „ungeheure Einfriedigungen ohne Dach, aber mit einemDrahtnetz überspannt, um zu verhindern, daß etwas über die Mauerngeworfen wird“. Wir würden heute sagen: „Konzentrationslager“. „AlleEingänge werden streng bewacht und keine Besucher, weder Eingeborenenoch Weiße, erhalten Zutritt; die Lebensmittel werden von einem innerhalbder Mauern befindlichen der Gesellschaft gehörigen Laden geliefert.“James Bryce, a. a. 0. S. 206. „Angeworben“ werden diese Arb eitermassen,nachdem man ihnen alles Land und alles Vieh, also die Möglichkeit einereigenen Wirtschaft, vorher weggenommen hat. Der kürzeste Weg zur Er-zeugung einer „Zuschußbevölkerung“.
Viel größer aber als der Arbeiterbedarf der Diamantgruben war derder Goldminen. Während Bryce in den Pfergen der größten Diamant-gruben-Gesellschaft nur 2600 Arbeiter antraf, weist die Statistik folgendeVermehrung der Bergleute in den Goldgruben Südafrikas auf:
1887 . 1000 1894 60000
1888 . 5000 1895 60000
1889 . 10000 1896 65000
1890 . 15000 1897 80000
1891 . 20000 1898 120000
1892 . 40000 1899 100000
1893 . 45000
Ziffern bei Del Mar, Hist, of Prec. Met., 2. ed., p. 296.
Während bis zum Zeitpunkt, an dem diese Statistik endet, das Arbeiter-material aus Afrika selbst herbeigeschafft war, griff man seit dem Be-ginne des 20. Jahrhunderts bei immer mehr sich ausweitendem Bedarfnach Indien und China hinüber und holte sich von dort „Kontrakt-arbeiter“, die sich in einer noch viel unfreieren Lage als die Einheimischenbefanden. Von einer Kündigungsbefugnis dieser meist auf drei Jahre an-geworbenen Coolies war insofern keine Rede, als alle andern Erwerbsgelegen-heiten ihnen versperrt waren. Der Kontraktarbeiter kann höchstens dannnach China zurück, wenn er seinem Anwender die Zuführungs- wie die Rück-transportkosten auf Heller und Pfennig vergütet hat. Zur Unterbringungdieser Asiaten wurden besondere Massenquartiere geschaffen, aus denender Austritt nur auf kurze Zeit gegen Erlaubnisschein möglich war (undist). Die Kulizufuhr fängt 1904 an. Die Zahl der Chinesen erreichte im Ok-tober 1906 ihre Höchstziffer mit 53134. Vgl. Max Schippel, Die fremdenArbeitskräfte usw. Seitdem hat man die Kontrakte nicht wieder erneuert,und dieChinesen sollen seit 19.10 ganz vom Witwaterstrand verschwunden sein.