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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 357

III. Die Ursachen der Bevölkerungsvermehrung

1. Wir besinnen uns auf folgenden Tatbestand: das Maß der Be-völkerungszunahme in einem Lande wenn wir die Ein- und Aus-wanderungen unberücksichtigt lassen hängt ab von der Höhe derZuwachsrate, das heißt des Verhältnisses, in dem die Mehrgeburten(Geburten abzüglich Todesfälle) zu der Menge der Bevölkerung stehen.Die Zuwachsrate wird bestimmt durch zwei Größen: die Geburten-rate, das h eißt die Menge der Geborenen im Verhältnis zur Bevölkerung,und die Sterberate, das heißt die Menge der Gestorbenen im Ver-hältnis zur Bevölkerung. Die Differenz zwischen Geburtenrate undSterberate ergibt die Zuwachsrate. Diese kann also steigen: entweder,weil die Geburtenrate steigt bei gleichbleibender Sterberate, oder weildie Sterberate sinkt bei gleichbleibender Geburtenrate. Sie steigtrascher, wenn die Geburtenrate steigt und die Sterberate gleichzeitigsinkt. Wenn wir also eine BevölkerungsVermehrung, das heißt dieHöhe oder das Steigen der Zuwachsrate erklären sollen, so müssenwir prüfen, ob dieses Steigen eine Folge des Steigens der Geburten-rate oder des Sinkens der Sterberate ist.

Diese Prüfung ist im folgenden mit Bezug auf die oben festgestellteVermehrung der europäischen Bevölkerung vorzunehmen. Liegen dieUrsachen dieser Vermehrung auf der Seite des Lebens oder auf derdes Todes?

2. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die angesichts der märchen-haften Zunahme der europäischen Menschheit im Zeitalter des Hoch-kapitalismus von einer manche meinten sogar: aus dem Geistedes Kapitalismus genährten Steigerung der Fruchtbarkeit diesesGeschlechts gesprochen haben. Ein waschechter Malthusianer konntegar nicht anders schließen: Ausdehnung des Nahrungsspielraums,darum mehr Ehen, mehr Kinder, daher die Bevölkerungszunahme.

Die Statistik bietet keine Veranlassung, diese Schlüsse für richtigzu halten. Die Ziffern für die Bevölkerungsbewegung im 19. Jahr-hundert sind folgende:

Die Zahl der Eheschließungen im Durchschnitt sämtlicher euro-päischen Länder betrug auf 1000 Einwohner im Durchschnitt wiederum

der Jahrzehnte (nach Sundbärg):

1841-1850 . 8,28 1871-1880 8,45

1851-1860 . 8,24 1881-1890 8,02

1861-1870 . 8,60 1891-1900 8,08