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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 359

beiten nicht stark genug gewesen, um den Rückgang der Geburten-ziffer, der das Kennzeichen der letzten 4060 Jahre ist, aufzuhalten.Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf die Ursachen dieserbedeutsamen Erscheinung zu sprechen zu kommen. Hier gehen sie unsnoch nichts an, wo es uns darum zu tun ist, den Gründen der Be-völkerungszunahme auf die Spur zu kommen. Also wir wissen nun:Bevölkerungszunahme hat in ungewöhnlicher Weise stattgefunden,trotzdem in den Fortpflanzungsverhältnissen sich nichts geänderthat, ja sogar trotz eines Rückganges der Geburtenziffer.

Der Schluß, den wir, wenn wir uns der eingangs gemachten Be-sinnungen erinnern, aus diesen Feststellungen ziehen müssen, liegtauf der Hand: die Gründe der Bevölkerungszunahme während derhochkapitalistischen Periode sind nicht auf der Seite des Lehens, siesind auf der Seite des Todes zu suchen.

3. Die Bevölkerungszunahme während des 19. Jahrhunderts istfast in ihrer vollen Ausdehnung eine Folge des Sinkens der Sterbe-rate. Diese betrug im Durchschnitt:

ganz Europa Westeuropa

1841-1850 . 31,0 26,6

1851-1860 . 30,6 26,2

1861-1870 . 29,7 26,1

1871-1880 . 29,6 25,7

1881-1890 . 27,5 24,0

1891-1900 . 25,9 22,1

1901-1905 . - 19,9

1912-1913. - 14,9 (8 Länder).

(Die Ziffer für 1912/13 ist nach dem Stat. Jahrbuch berechnet, dieübrigen sind Sundbärg entnommen.)

Wiederum haben auf den Fall der Sterberate ebenso wie auf dieHöhe der Geburtenrate örtliche Umstände Einfluß ausgeübt. Sonstwäre es wohl nicht zu erklären, warum der Fall in den verschiedenenLändern in verschiedenen Zeitpunkten einsetzt: in Norwegen, Däne-mark, in den Niederlanden, in Belgien, Rußland bereits in den 1840erJahren, in Schweden in den 1850 er Jahren, in Finnland, Großbritannien, Italien in den 1860 er Jahren, dagegen in Deutschland, Österreich-Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich erst in den 1870 er Jahren.

Aber neben den örtlichen Gründen sind doch offenbar ganz all-gemein wirksame Kräfte am Werke gewesen, um den Rückgang derSterblichkeit herbeizuführen.