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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte

und der feudalen Landwirtschaft in eine Notlage versetzt. Solange jenebestanden, fanden sie als Händler und Vermittler, sog. Faktoren, ihr gutesAuskommen. Seit der Aufhebung versuchte der jüdische Händler undMakler durch Übergang zum Handwerk sich Ersatz für jene Ausfälle zuErwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Aber dieser Ausweg führte ihn nichtzum Ziel.Das Handwerk war nicht imstande, das Problem vollständigzu lösen, das heißt die Juden, welche durch die Umwälzung in der Land-wirtschaft brotlos geworden waren, zu versorgen; dazu kam noch, daß demHandwerk selbst in der allgemeinen Entwicklung der Industrie. . . einescharfe Konkurrenz erwuchs. Die Folge dieser Erscheinungen war, daß diejüdische Auswanderung entstand. N. W. Goldstein, Die Bedeutung desjüdischen Proletariats für die englische Industrie. Zeitschrift für Demo-graphie und Statistik der Juden. 5 (1911), 123. Eine Reihe von Gründen,die namentlich Kaplun-Kogan auseinandergesetzt hat, verhinderte aberdie Aufsaugung der jüdischen Arbeitermasse durch die Industrie. Vgl.Wlad.W. Kaplun-Kogan, DieW anderb ewegung derJuden(1913),101ff.

Die Übervölkerung der jüdischen Distrikte wurde in Rußland nochdadurch verschärft, daß die Juden auf den Ansiedlungsrayon beschränktblieben, wodurch eine Verteilung über ein weiteres Gebiet unmöglichgemacht wurde. Die Folge war, daß einzelne Gewerbe, die von den Judenbevorzugt wurden, stark übersetzt waren: in zwei Gouvernements des An-siedlungsbezirks waren im Handel 52,9, in den Bekleidungsgewerben 24,3,im Fuhrwesen 6,8, im Unterricht 6,0 von tausend Personen tätig, währendin zwei außerhalb dieses Rayons gelegenen, alsonormalen Gouvernementsdie entsprechenden Ziffern waren: 19,5,11,3,1,7, 2,3. B. Brutzkus, Imrussischen Ansiedlungsgebiet und außerhalb desselben; in der eben erwähn-ten Zeitschrift 4 (1908), 81. Außerdem aber gab es im Ansiedlungsgebiet,zahlreiche Juden, denen es an jedem festen Erwerb fehlte, die heute alsMakler, morgen als Schreiber, übermorgen als Lehrer tätig waren. DasElend und die Not dieser russischen Juden, die auf ein viel zu kleinesNahrungsgebiet zusammengedrängt waren, waren sprichwörtlich.

Qalizien bot ein ganz ähnliches Bild. Die agrarische Verfassung desLandes, dessen ökonomische Rückständigkeit einerseits, die Ausschließungder Juden von zahlreichen Stellen als Beamte usw., die zunehmende Be-teiligung der polnischen und ruthenischen Bevölkerung am Kleingewerbeund Kleinhandel andererseits, alles dies wirkte zusammen, um den Nahrungs-spielraum der sich weiter vermehrenden Juden in Galizien immer mehreinzuschränken. Nur ein Bruchteil hatte eine halbwegs gesicherte Existenz,die meisten lebten von der Hand in den Mund und wußten am Morgen nochnicht, wo sie am Mittag eine Mahlzeit für sich und ihre Familie hernehmensollten. Max Nordau hat für diese Existenzen das WortLuftmenschengeprägt. In der Statistik erscheinen diese Luftmenschen unter der RubrikLohndienste wechselnder Art oderSelbständige ohne Berufsangabe.Aber auch die jüdischen Handwerker und Händler lebten der Regel nachim Elend. Von 100 befugten Handwerkerfamilien hatte im Jahre 1903 dieMehrzahl einen Wochenverdienst von 5 bis 7 Gulden, wovon für Wohnungs-miete und den hebräischen Unterricht der Kinder 11 y 2 Gulden abgingen,