' Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 383
so daß 4—5 Gulden für Kleidung und Ernährung einer Familie von 5bis 8 Köpfen übrigblieben. A. Ruppin , Die Juden der Gegenwart. 2. Aufl.1911. S. 54ff. Vgl. Leo Wengierow, Die Juden im Königreich Polen,in dem Sammelwerk „Jüdische Statistik“. 1903. S. 293ff.
Vielleicht noch schlechter als in Galizien ist die Lage der Juden inRumänien. Sie hat sich vor allem durch den Zuzug aus Galizien und Rußland seit den 1880 er Jahren wesentlich verschlechtert. Das gilt natürlich nur fürdie Unterschicht, während gleichzeitig eine glückliche Oberschicht darüberher ist, Rumänien ökonomisch zu erobern. Aber unter den jüdischen Klein-händlern und Handwerkern Rumäniens herrscht tatsächlich Übervölkerung,i Man wird den Worten eines (antisemitischen) Autors zustimmen müssen,
I wenn er schreibt: „II y a certainement plethore de certaines categories
I d’artisan dans les villes: il y a trop de tailleurs, trop de bottiers, trop de
magons, les professions sont encombrees par les Juifs, qui, par consequent,travaillent ä de vrais prix de famine et, malgre leur sobriete exemplaire,malgre l’appui et les facilites qu’ils trouvent chez leurs correligionnaires,qui ne se fournissent que chez eux et leur vendent les matieres premiferesau plus bas prix possible, ils ne parviennent que difficilement ä nourrirleurs familles.“ Verax, La Roumanie et les Juifs (1903), 265.
II. Die Wanderungen
Alles, haben wir nun gesehen, wirkt zusammen, um großen Teilen| der Bevölkerung des platten Landes und der kleinen Städte den Auf-
| enthalt an ihrem bisherigen Wohnort zu verleiden. Alles wirkt somit
zusammen, um das Bedürfnis nach einem Abstrom eines Teilsi der Landbewohner wachzurufen; das Land drängt seine Kinder
i fort. Und was notwendig ist, geschieht: Bevölkerungsschichten, die
seit Jahrhunderten so fest an ihrer Scholle geklebt hatten wie nurirgendein Bodengewächs, sie kommen in Bewegung, und nun lösensich Scharen auf Scharen vom Boden los und wandern aus ihrer Heimat! fort. Und diese Riesen Volksbewegung, von der man mit Recht gesagt
; hat, daß sie ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht gesehen hat,
j daß im Vergleich zu ihr die „Völkerwanderung“, die das europäische
Mittelalter einleitete, ein Kinderspiel gewesen sei, wenn man die inBewegung gesetzten Volksmassen in Betracht zieht: diese Bewegung, scheint nun kein Ende nehmen zu wollen, auch jetzt, nachdem vieler-
| orts von einer Uberschußbevölkerung auf dem Lande keine Rede mehr
! ist, nachdem dort längst die Arbeitskräfte zu mangeln begonnen haben,
i Der Abstrom der Bevölkerung vom Lande ist eine mit Notwendig-
i keit im Gefolge kapitalistischer Produktionsweise und rascher Ver-
j mehrung der Bevölkerung auftretende allgemeine Erscheinung. Eine
i allgemeine Erscheinung, die also gleichermaßen klein- und groß-
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