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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung

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Gründe, die wir kennen gelernt haben, als wir den Entwicklungs-ursachen einer Industriestadt nachgingen.

(2) Vielfach verdanken die Industrien in den Großstädten einemreinenZufall ihr Dasein: wie etwa die in Berlin von den Königenim 18. Jahrhundert großgezogene Textilindustrie.

(3) Aber die große Stadt ist auch aus ökonomisch-rationalen Er-wägungen als Standort aufgesucht worden. Die Zweckmäßigkeits-gründe waren:

(a) Vorzüge des Arbeitsmarktes: daß in den großen Städten diebesten oder die billigsten oder überhaupt Arbeitskräfte sich vorfanden:so führt noch Marl o (Untersuchungen 3, 404), der in den 1850er Jahrenallerdings inDeutschland schrieb, den Maschinenbau als einen städtischenIndustriezweig an, weil er einen.außergewöhnlich großen Betrieberheische. Die Berliner Maschinenindustrie verdankt ihr Dasein teil-weise den irrationalen Gründen, daß sie durch tüchtige Berliner Schlosser-in eister begründet worden ist, teilweise der rationalen Erwägung, daßsich nur in Berlin die nötige Anzahl gelernter Schlosser vorfand.Die Lieblingsindustrie der Großstädte die Konfektion ist aus-schließlich wegen der billigen weiblichen Arbeitskräfte hier angesiedelt;

(b) die Nähe der Handels- -und Kreditunternehmungen:

(c) die Nähe wissenschaftlicher und technischer Hilfskräfte.

Ein großer Teil dieser Gründe hat nun aber heute, sei es infolgeder zunehmenden Intensität der kapitalistischen Wirtschaftsweise, seies insbesondere dank der Vervollkommnung unserer Transporttechnik,seine Bedeutung verloren. Die auch außerhalb der Großstädte zu-nehmende städtische Kultur hebt das Niveau der Arbeiterbevölkerungso sehr, daß auch in kleineren Orten qualifizierte Arbeiter in großerMenge gefunden werden; das Telephon und der Telegraph haben dieVerbindung mit den Handels- und Bankfirmen der Großstädte so er-leichtert, daß eine sofortige Verständigung auf große Entfernungenmöglich ist; wenn aber nicht zwischen den Handelsfirmen und derindustriellen Unternehmung, so zwischen deren Eabrikbetriebe undihrem geschäftlichen Kontor, ihrer Verkaufsstelle, die sie in der Groß-stadt unterhält.

Während solcherweise die moderne Entwicklung die Notwendigkeitfür die kapitalistische Industrie verringerte, sich in den Mittelpunktendes Verkehrs anzusiedeln, schuf sie eine Reihe von Umständen, diedieser Großstadtstendenz geradezu entgegenwirkten.