Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung
435
kleines Bureau für „wissenschaftliche Berufsberatung“ eröffnete, dasbald Nachahmung in andern Städten fand. Etwa ebenso alt sind dieBestrebungen Professor Münsterbergs selbst, die experimentellePsychologie für die Berufsauslese nutzbar zu machen, „die für denBeruf gültigen Ansprüche an das Seelensystem“ festzustellen und, so-weit möglich, „abzustufen“, „so daß die eigentlich entscheidendenFaktoren hervortreten“ und für diese „dann mit experimenteller Methodeeinen exakten Maßstab“ zu gewinnen.
Die epochalen Experimente Münsterbergs erstreckten sich: 1. aufWagenführer elektrischer Straßenbahnen, deren „einheitliche Gesamt-leistung“ er zum Gegenstände der Untersuchung macht; 2. auf Schiffs-offiziere beim Kommando auf der Schiffsbrücke; 3. auf Telephonistinnen,deren „Gesamtfunktion“ (?) er in ihre Bestandteile auflöste, um siezu prüfen. Diese Bestandteile waren: a) das Gedächtnis; b) die Auf-merksamkeit; c) die Intelligenz; d) die Genauigkeit; e) die Schnellig-keit.
Im Mittelpunkte aller Untersuchungen, für die ganze große Systemeder sinnreichsten Apparate erfunden wurden, stand immer die Prüfungder Aufmerksamkeit.
Das Ergebnis der Prüfung sind dann die sog. „Tests“.
Die Anregungen von Parsons und Münsterberg sind in ihremLande auf fruchtbaren Boden gefallen. Entsprechend der Vorliebe desAmerikaners für das Sensationelle und allen Spaß hat sich in der kurzenSpanne, die seit jenen ersten Anfängen verstrichen ist, drüben die„wissenschaftliche“ Berufsauslese zu voller Blüte entwickelt. Nicht nur,daß die psychologischen Laboratorien der „Universitäten“ mit Vor-liebe ihre Tätigkeit in den Dienst des guten Zwecks stellen: auch privateUnternehmungen (wie die Gas, Electric Light and Power Company)lassen schon Eignungsatteste ausfüllen, in denen die neuesten Methodender Test-Ermittlung Berücksichtigung finden; oder sie haben schoneigene Untersuchungsanstalten eingerichtet, wie das Psycological Labora-tory of the Yellow Cab Company in Chicago , in denen die Methodender Universitätsinstitute zur Anwendung gelangen; ja, es gibt schon„Consulting Psychologists“, wie Mr. A. J. Snow in Chicago , der Ver-fasser des in der Literaturübersicht genannten neuesten Elaborats überdie „Psycology in Business Relations“.
Auch das müde Europa bemüht sich nach Kräften, mit dem „rast-los fortschreitenden“ Amerika Schritt zu halten und die Berufsausleseauf den roch er de Bronze der „Wissenschaft“ zu stabilieren. Durch
28 *