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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 449

beiter in das Einwanderungsland... Die primitivste und am weitestenverbreitete Erscheinung des organisierten Lohndrückerimports ist die Ein-fuhr von Streikbrechern. Allmählich wird der Lohndrückerimport zur Massen-erscheinung: wenn beispielsweise in Zeiten der Hochkonjunktur der rheinisch-westfälische Kohlenbergbau einen beträchtlichen Teil der industriellenReservearmee aufgesaugt hat und die Unternehmer fürchten, daß die Ar-beiter die günstige Situation ausnutzen und sich günstigere Arbeits-bedingungen erkämpfen werden, dann erscheinen in Schlesien, in Böhmen ,in Steiermark Emissäre der Unternehmer, welche Arbeiter für den west-fälischen Kohlenbergbau anwerben und in die Kohlengebiete importieren...Ebenso sucht man, so oft größere Bauten, insbesondere Eisenbahn -, Kanal-oder Hafenbauten unternommen werden, fremde Arbeiter heranzuziehen,um zu verhindern, daß die große Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht nurdie Unternehmer dieser Bauten, sondern auch die in industriellen und land-wirtschaftlichen Unternehmen der Nachbarschaft zwinge, den Arbeiternhöhere Löhne und günstigere Arbeitsbedingungen zuzugestehen. Zu dem-selben Zwecke wird mit staatlicher Unterstützung der Import sla-vischer Landarbeiter nach Ostdeutschland betrieben; man will dadurchverhindern, daß die preußischen Junker durch die ,Leutenot 1 gezwungenwerden, höhere Löhne zu bezahlen.

Den größten Umfang hat aber das System des Arbeiterimports ersterreicht, seit eine gewaltige wirtschaftliche Umwälzung die Menschen-massen des Orients in Bewegung gesetzt hat; das ungeheuerlichste Beispieleines kapitalistisch organisierten Lohndrückerimports über den Ozeanhinüber bot in jüngster Zeit die Einfuhr chinesischer Kulis nach Südafrika.

Auf dem Stuttgarter Kongreß stießen die Interessen der ausgesprochenenEinwanderungsländer: England, Vereinigte Staaten, Australien mit denender Auswanderungsländer naturgemäß heftig aufeinander. Das Ergebniswar ein Kompromißbeschluß, der wie das damals so üblich war vonden Deutschen beantragt worden war. Er lautet in seinen wichtigen Teilenwie folgt:

Der Kongreß erklärt:

Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalis-mus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, Über-produktion und Unterkonsumtion der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel,den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmenzeitweise durch politische, religiöse und nationale Verfolgungen anormaleDimensionen an.

Der Kongreß vermag ein Mittel zur Abhilfe der von der Aus- und Ein-wanderung für die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgend-welchen ökonomischen oder politischen Ausnahmemaßregeln zu erblicken,da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktionär sind, also insbesonderenicht in einer Beschränkung der Freizügigkeit und in einem Ausschlußfremder Nationalitäten oder Rassen.

Dagegen erklärt es der Kongreß für eine Pflicht der organisiertenArbeiterschaft, sich gegen die im Gefolge des Massenimports unorganisierterArbeiter vielfach eintretende Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren,Soipbart, Hochkapitalismus. 29