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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
Wanderung fällt ja diese Erwägung sowieso weg —: immer ist sie docheine gern gesehene Wirkung des Zustromes jenes fremden Volkes gewesen.
Ich habe schon oben darauf hingewiesen, daß die zahlreichen Pro-teste der einheimischen Arbeiterschaften in den westeuropä-ischen Staaten, in Amerika und Australien auf die von der Statistiknicht immer erfaßbare weite Verbreitung des Eremdvolkes schließenlassen. Hier möchte ich bemerken, daß sie noch beweiskräftiger sind,ja in diesem Falle den besten Beweis, der überhaupt möglich ist, er-bringen, für die lohndrückende Wirkung, die jene Hilfsvölker ausgeübthaben. Die Frage war in den letzten Jahrzehnten des hochkapitalistischenZeitalters so brennend geworden, daß sich auch die Arbeiterkongresseund schließlich der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart 1907mit dem Problem der proletarischen Wanderungen beschäftigten.
Nun sind dieBerichte, die die Sozialdemokraten der beteiligtenLändererstatteten und die Verhandlungen, insbesondere auf dem Stuttgarter Kongreß, deshalb von besonderem Interesse, weil ja die meistenBerichterstatter und Redner von der Fiktion einer Interessensolidaritätder Proletarier aller Länder ihren Ausgangspunkt nehmen mußtenund eigentlich gar keinen Interessengegensatz zwischen dem einwandern-den Proletariat minderer Wirtschaftsgebiete und der organisiertenArbeiterschaft in den hochentwickelten Einwanderungsländern zugebendurften. Wenn nun trotzdem in ihren Äußerungen die schweren Schä-digungen anerkannt wurden, die die Fremdvölker der einheimischenArbeiterschaft zufügten, so geht daraus mit Deutlichkeit hervor, welchegroße Bedeutung dem Zuzug der Hilfsvölker für die Gestaltung derLohnverhältnisse beizumessen ist.
Von besonderer Sachkunde zeugen die von den deutschen und öster-reichischen Genossen: Max Schippel und Otto Bauer verfaßten aus-führlichen Gutachten, die als Vorbereitung auf die Verhandlungen in Stutt-gart dienen sollten. Ich bringe hier einige der wichtigsten Schlußfolgerungen,zu denen das Referat Bauers gelangt, zum Abdruck, weil sie mir dieSachlage in besonders klarer Weise darzutun scheinen. Bauer unter-scheidet richtig die freie Einwanderung und die organisierte „Lohndrücker“-Einfuhr, die aber in ihren Wirkungen auf dasselbe hinauslaufen, nur daßim ersten Falle, in denen der Ausgangspunkt das Angebot ist, der Lohn-druck nur Wirkung, im zweiten Falle, in denen die Bewegung von derNachfrage ausgeht, der Lohndruck auch Zweck ist. Von dieser zweitenForm der Einwanderung schreibt Bauer: „Die Unternehmer senden ihreAgenten in wirtschaftlich rückständige Gebiete, werben dort Arbeiter an,verpflichten sie schon in der Heimat zu bestimmten Arbeitsbedingungenfür bestimmte Arbeitsstellen und importieren dann die angeworbenen Ar-