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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage

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Kleidermacherei, die noch am meisten dem Handwerk verblieben ist.Daß Hüte, Stiefeln, Handschuhe, Schirme, Stöcke, Krawatten längstin kapitalistischen Betrieben hergestellt werden, ist bekannt.

Endlich ist auch die Wohnungserzeugung im Laufe der hoch-kapitalistischen Ära immer mehr eine marktmäßige geworden.

Wir können in ihr drei Stufen der Entwicklung unterscheiden:

(1.) die volle Eigenproduktion;

(2.) die Produktion für den Eigentümer durch gewerbsmäßige Pro-duzenten: Bestellungsbau;

(3.) die Produktion für den Verkauf oder die Vermietung: Herstellungdes Hauses als Ware, Spekulationsbau. Er ist in diesem Zusammen-hänge das entscheidende Ereignis.

Ich schloß meine geschichtliche Darstellung des Baugewerbes im Zeit-alter des Frühkapitalismus mit den Worten (Band II, S. 778): ,,Im all-gemeinen dürfen wir sagen: Der Spekulationsbau taucht am Schlüsse derfrühkapitalistischen Epoche auf, er schließt sie, wie ich sagte, ab. Er gehörtseinem Geiste nach durchaus dem Zeitalter des Hochkapitalismus an.Durch einen Hinweis bei Marx (Kapital II, 215) bin ich mittlerweile aufeine Quelle aufmerksam gemacht, aus der wir mit ziemlicher Sicherheitschließen können, daß der Spekulationsbau jedenfalls in London nicht vordem 19. Jahrhundert auftritt, daß er sich wahrscheinlich erst nach denNapoleonischen Kriegen zu entwickeln beginnt. Die Quelle ist die Aussageeines Bauunternehmers vor der Bankkommission des Jahres 1857. Er sagtaus: in seiner Jugend seien die Häuser auf Bestellung gebaut und sei derBetrag dem Unternehmer ratenweise während des Baues bezahlt; aufSpekulation hätten diese nur gebaut, um ihre Arbeiter zusammenzuhalten.Seit den letzten 40 Jahren habe sich das alles geändert: auf Bestellungwurde nur noch selten gebaut: wer ein neues Haus brauche, suche es sichunter den auf Spekulation gebauten aus. Der Unternehmer arbeite nichtmehr für Kunden, sondern für den Markt. Siehe den Rep. from the SelectCommittee on Bank Acts. Part. 1,1857. Evidence. Qu. 541318; 553536.

Es ist wahrscheinlich, daß in anderen Großstädten, in denen die ge-mietete Einzelwohnung im Gegensatz zum bewohnten ganzen Hause denWohntyp bildet, der Bestellungsbau noch etwas früher verschwunden ist.

Heute bildet der Spekulationsbau in den meisten Großstädten, aberauch schon in den Mittelstädten die Regel.

Nach einer Zählung vom 5. Dezember 1900 sind in den deutschen Groß-städten weniger als 25% Eigenwohnungen. In Berlin sind von 1000 Woh-nungen

25,7 Eigentümerwohnungen,

36,4 Dienstwohnungen,

937,9 Mietwohnungen.

Grundstücks- und Wohnungsaufnahmc 1900 (1903), 11.