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Vierunddreissigstes Kapitel
Die Konkurrenz
1. Es entsprach, wie wir wissen, dem Geiste der vorkapitalistischen,aber auch noch der frühkapitalistischen Wirtschaft, der Betätigungder Wirtschaftssubjekte im Verkehr mit andern Wirtschaften Bindungenaufzuerlegen, sie überindividuellen Normen zu unterwerfen, den freienWettbewerb auszuschließen. Alles, was die Ausschaltung der andernWirtschaft zum Ziele hatte, alles Unterbieten im Preise, alle Maßregelndie den Kundenfang und die Kundenabtreibung zum Zwecke hatten,waren strengstens verpönt.
Die kaufmännische Sitte entsprach diesen Anschauungen: alleKaufmanns- und Handlungsbücher bis ins 19. Jahrhundert hineinwarnen ihre Leser vor den Versuchungen der Konkurrenz: „Wendekeinem seine Kunden ab, denn was du nicht willst, daß man dir thunsoll, das thu einem andern auch nicht“; so schreibt der vielgeleseneMarperger. Die andern wiederholen es.
Ja, selbst die bloße Geschäftsanzeige hatte noch im 18. Jahrhundertgegen den Widerstand der öffentlichen Meinung sowie gegen die kauf-männischen Anschauungen von Schicklichkeit, und Anstand zu kämpfen.
Die Geschäftsmoral gebot vielmehr mit aller Entschiedenheit,ruhig in seinem Geschäft der Kundschaft zu harren, die aller Voraus-sicht nach sich einstellen mußte. So schließt D e f o e seinen Sermonmit den Worten: „and then with God’s blessing and his own care, hemay expect his share of trade with his neighbours“. Und der Meß-besucher im 18. Jahrhundert „wartet Tag und Nacht seines Gewölbswol ab“.
Siehe die ausführliche Darstellung im sechsten Kapitel des zweitenBandes dieses Werkes.
2. Dem hochkapitalistischen Zeitalter bleibt es Vorbehalten, mitdem kapitalistischen Geiste auch dem „Konkurrenzprinzip“, wie wires nennen, zum Siege zu verhelfen.
Dieses Prinzip, das wir auch als Machtprinzip oder Willkürprinzipbezeichnen können, folgt aus der naturalistischen Grundeinstellung