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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur

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irgendwelchem Seelenvorgang der Wirtschaftssubjekte, also der kapi-talistischen Unternehmer suchen. Der Seelenvorgang, der den An-stoß zur Expansionskonjunktur gibt, ist aber kein anderer als der inunserer Wirtschaftsepoche immer wirkende Unternehmungs-drang, der wohl eine Zeitlang während der Tiefdruckzeitenschlummern kann, der aber doch immer wieder erwacht und mm zuneuen Taten drängt. Dieser Unternehmungsdrang, der immer als Willezum Erwerbe erscheint, äußert sich sowohl bei den industriellen undkommerziellen Unternehmern wie bei den Kreditgebern, den Banken,die einer dem andern Mut zusprechen. Man ist der stillen Zeiten müde.Hoffnungsfreudige Stimmungen kommen wieder auf. Man will endlichwieder etwas wagen.

Aber freilich: wir dürfen nicht außer acht lassen, daß dieses Wieder-erwachen des Unternehmungsgeistes von einer ganzen Reihe von Er-scheinungen und Vorgängen in der Umwelt begleitet ist, die ihm günstigsind; Es erfolgt zur rechten Zeit. Der Optimismus der Geschäftswelt,aus der das Neue geboren werden soll, wurzelt fest in den Zeit-umständen, die alle Zusammentreffen, um ein Gelingen neuer Unter-nehmungstaten zu verbürgen. Unter diesen den neuerwachenden Unter-nehmungsgeist anregenden, bestärkenden, steigernden Zeitumständenverdienen unsere Aufmerksamkeit zunächst alle diejenigen, dieman unter der Bezeichnung günstige Produktionsbedin-gungen zusammenfassen kann. Das sind vornehmlich folgende:

(1) der niedrige Zinsfuß. Dieser ermutigt:

a) zur Ausweitung der Produktion bei gegebenen Preisen;

b) zur Herstellung gewinnbringender Dauergüter, die bei gegebenenPreisen höheren Ertrag liefern und

c) als Anlagen teuer sind, daher beim Verkauf Gewinn verheißen.Hierher gehören Verkehrsmittel, Industrieanlagen, Mietshäuser, derenHerstellung ganz besonders vom Zinsfuß (der Hypotheken!) ab-hängig ist.

Was aber bewirkt den niedrigen Zinsfuß ?

(I) nicht, wie man wohl gesagt hat, die angehäuftenErsparnisse;denn diese sind nicht vorhanden, da in unserer modernen Wirtschaftnicht eigentlichgespart oderaufgespeichert, sondern jeder poten-tielle Kapitalbetrag sofortangelegt wird, wie wir wissen.

(II) Vielmehr liegt der Hauptgrund des niedrigen Zinsfußes in dieserArt derAnlage in Tiefdruckzeiten, in denen wohl festverzinslichePapiere, aber keine Aktien ausgegeben werden. Das heißt: der größte