Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur
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den Leistungen der einen und der anderen Gruppe einstellen. Unddieses Mißverhältnis bezeichnen wir eben als Überproduktion auf dereinen, Unterproduktion auf der anderen Seite. Es sind zu viele Bahnen,Elektrizitätsanlagen, Schiffe, Automobile, dann aber auch Mengen vonEisen, Kohle, Ziegeln, Zement, Häusern und zu wenig Kleider und nament-lich zu wenig Lebensmittel vorhanden. Die Gesellschaft kann die zurErzeugung der Aufschwungsgüter abgeordneten Arbeitermassen nichtmehr ernähren und kleiden.
Diese Disproportionalität zwischen den Produktionsmengender organischen und der anorganischen Produktionszweige,auf die ich bereits im Jahre 1903 hingewiesen habe (wie ich glaubte alserster; mittlerweile habe ich mich überzeugt, daß bereits Marx den Ge-danken geäußert hat, freilich ohne ihm eine tragende Bedeutung im Auf-bau seiner Krisentheorie beizumessen), halte ich für diejenige Tatsache,die für die gesamte Gestaltung der Konjunktur, insbesondere für den Ein-tritt des Niedergangs entscheidend ist. Sie läßt sich auch statistisch leichterweisen.
Beweismaterial liefern z. B. die von Cassel (473) berechneten Transport-ziffern für Amerika . Hier vermehrte sich während der Hochkonjunktur von1894—1907 die Tonnenzahl des Güterverkehrs von 1310 auf 1796 MillionenTonnen, das ist um 37%. Dagegen vermehrte sich diejenige für alle an-organischen Güter um ein mehrfaches, nämlich um folgende Prozentsätze:Koks 75, Erze 92, Steine 54, Schienen 42, Maschinen 49, Stabeisen undBleche 76, Zement, Ziegel und Kalksteine 58, Wagen und Werkzeuge 48.
Wir können vor allem ziffernmäßig feststellen, daß sowohldie Landwirtschaft wie die Textilindustrie von den Ex-pansionskonjunkturen völlig unberührt bleiben.
Zum Belege zunächst noch eine Ziffernreihe, die wiederum Cassel(476/77) zusammenstellte. Während die Arbeiterschaft Schwedens in denanorganischen Produktionsindustrien große Schwankungen aufweist:
1896—1900: Zunahme um 29,5%,
1900—1902: Abnahme ,, 5,1%,
1902—1907: Zunahme „ 12,9%,
1907—1909: Abnahme „ 10,0%,
verläuft die Kurve der Arbeiterzahl in den übrigen Industrien fast ohnejeden Rhythmus: langsam ansteigend.
Während sich in der oft herbeigezogenen Periode von 1895—1901die anorganische Industrie Deutschlands in Krämpfen windet, wie wirdas statistisch festgestellt haben, weiß weder die Landwirtschaft noch dieTextilindustrie von irgendeinem manisch-depressiven Zustande; sie gehenihren Gang, unbeirrt um die Vorgänge rings um sie herum. Ebensowenigändert sich etwas in der Einfuhr von Lebensmitteln, von der man denkenkönnte, daß sie den Ernährungsspielraum gemäß dem industriellen Auf-schwung auszuweiten beigetragen hätte. Die Ziffern (aus dem Stat. Jahr-buch) sind folgende: