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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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584 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses

wagter wie die andere, hervor. Ich habe diese Epochen die lyrisch-dramatischen Zeiten moderner Wirtschaft genannt. Und die führendenGeister sind die spekulativen Köpfe. Menschen mit Ideen, mit Wage-mut, ohne allzuviel Skrupel und Bedachtsamkeit. Es sind die Zeiten,in denen das Wirtschaftsleben vom französischen Geiste seinen Stempelträgt. Der Elan ist der Grundzug aller wirtschaftlichen Vornahmen.

Die Aufschwungszeiten sind aber auch die Zeiten, in denen dieKapitalbildung rascher fortschreitet als sonst: auf dem unmittelbarenWege der Kreditschöpfung und auf dem Umwege über die Bildungpotentiellen Kapitals. Genaue Untersuchungen der letzten Zeit habenergeben, daß in den Aufschwungszeiten die Preise rascher steigen als dieGeldlöhne, daß in ihnen also der Reallohn sinkt, das heißt aber derAnteil des Arbeiters am gesellschaftlichen Einkommen, das heißt derMehrwert, das heißt die Chance der Kapitalakkumulation.

Endlich äußern die Aufschwungszeiten ihre Wirkung dadurch, daßsie kapitalistischen Geist verbreiten helfen, und zwar nach seiner Seitedes Gewinnstrebens hin, sofern sie eine Art von Erwerbsparoxismuserzeugen, nicht nur in den Kreisen der durch die steigenden Gewinn-chancen toll gemachten Unternehmer, sondern auch in den Kreisender Arbeiterschaft und des Bürgertums, dem der Giftstoff durch denMechanismus der Börsenspekulation eingeimpft wird. Diese Verall-gemeinerung kapitalistischen Geistes ist aber für die Entfaltung derkapitalistischen Wirtschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung,da er das Publikum an die Einrichtungen und Anforderungen dieserWirtschaft gewöhnt.

East noch wichtiger für die Entwicklung der kapitalistischen Wirt-schaft sind aber die Niedergangszeiten: die Zeiten der inten-siven Entwicklung. Jene Zeiten des Überschwangs hinterlassen alsErbschaft einen mächtig erweiterten Wirkungskreis für den kapita-listischen Unternehmer: neue Gründungen, erweiterte Betriebe, ver-vielfachte Handelsbeziehungen. Das alles soll nun unter ungünstigerenBedingungen erhalten werden. Da gilt es zu rechnen, auf vorteilhaftesteOrganisation, Verbesserung der Technik bei Tag und Nacht zu sinnen.Wo man ehedem der Mark nicht achtete, muß man des Bruchteilseines Pfennigs gedenken, um den eine Ware billiger oder teurer werdenkann. Der Unternehmer fühlt sich aber nicht nur genötigt, Verbesse-rungen in seinem Betriebe vorzunehmen: er kann es auch, weil er Zeitfür eine grundlegende Neugestaltung seines Unternehmens hat. Da-her diese stillen Zeiten Zeiten der inneren Vervollkommnung des