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Siebenunddreissigstes Kapitel
Die Träger dies Bedarfs
Unter Trägern des Bedarfs verstehe ich diejenigen Personen, diefür die Gestaltung des Bedarfs bestimmend sind. Wir können sieauch die Bildner des Bedarfs nennen.
Es sind
1. DieEinzelpersonen als letzte Verbraucher. Solcher kannteder Kapitalismus in seiner Erühzeit nur Verbraucher von Luxus-gütern oder Träger von Eeinbedarf. Wer das war, habe ich im48. Kapitel des ersten Bandes ausführlich dargestellt: Könige, Fürsten ,Adlige; geistliche Würdenträger: Päpste, Kardinäle, Bischöfe; da-neben im wachsenden Umfange reich gewordene Bürger, die meistder Hochfinanz angehörten. Allen diesen Luxusgüterverbraucherngemeinsam war ihre strenge Geschmacksschulung: sie unterstandenden Regeln eines „Stils“, in denen sie sich einzuordnen hatten. Wirkönnen dahingestellt lassen, wer diesen Stil schuf und weiterbildete:es werden auch damals im wesentlichen die Künstler gewesen sein.Das Wichtigste ist, daß ein Stil bestand, und daß die Verbraucher im'Banne dieses Stiles standen.
Das änderte sich mit dem 19. Jahrhundert in dem Maße, wie dieneuen Reichen an Zahl Zunahmen. Der Prozeß der Verbürger-lichung der obersten Verbraucherschicht, der seit Jahrhundertenbegonnen hatte, kommt jetzt zum Abschluß: jene Schicht bestehtnun nur noch aus reichen Bürgern, und zwar immer der Mehrzahlnach — dank der raschen Entwicklung des Kapitalismus — ausreich gewordenen Bürgern.
Mit dieser Verbürgerlichung der Reichen geht gleichen Schrittder Zerfall der alten, seigneurialen Kultur mit ihrem festen Kulturstil.Die neuen Reichen, die früher auch schon dagewesen waren, aber inso kleinem Umfange, daß sie von der Herrenschicht aufgesogen undunter die Regeln des Geschmackstils gebeugt werden konnten, sindnun bald unter sich und fangen an, ihren Bedarf ohne Stil zu gestalten.Dieser Prozeß der Auflösung der alten Geschmacksformen wurde