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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 597

dadurch beschleunigt, daß die Berater der früheren Geschlechter,die Künstler, sich aus der Welt derangewandten Künste zurück-gezogen hatten und ein reines Akademikerleben lebten. Kunst undGewerbe hatten sich getrennt. Die neuen Reichen bleiben sich selbstüberlassen und den Launen des kapitalistischen Produzenten, der unterMithilfe dienstfertiger Zeichner und Konstrukteure herstellte, wasseinen geschäftlichen Interessen angemessen erschien. Die Folge wareine vollständige Verrohung des Geschmacks, die in allen Ländernum die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte.

Um diese Zeit begann zuerst in England , später auch anderswo(in Deutschland seit den 1890er Jahren), ein Wandel sich anzubahnen:die bildenden Künstler fingen wieder an, sich um die Gestaltung derGegenstände des täglichen Gebrauchs zu kümmern, und einKunst-gewerbe unter künstlerischer Leitung begann sich wieder zu ent-wickeln. Die Bildner des Feinbedarfs wurden damit wiederum zumTeil wenigstens die Künstler, wie sie es ehedem gewesen waren,vielleicht mit dem Unterschiede gegen früher, daß sie selbstherrlicherden Auftraggebern gegenübertraten, die nicht mehr wie ehedem selbstein Urteil in Geschmacksfragen besaßen.

Ich habe diese Versuche, die reichen Verbraucher wieder unterdie Botmäßigkeit der Künstler zu bringen, einen Vorgang, den manwohl auch alsRenaissance des Kunstgewerbes bezeichnet,sehr ausführlich (mit sehr viel schiefen Urteilen) in der ersten Auf-lage zur Darstellung gebracht. (Siehe das 15. Kapitel des zweitenBandes.) Bei der Fragestellung, die in der ersten Auflage im Vorder-gründe stand: wodurch der Kapitalismus den Sieg über das Hand-werk errungen hatte, lagen mir diese Probleme weit mehr am Herzenals jetzt, wo es sich für mich vielmehr darum handelt, die Entfaltungdes Kapitalismus selbst zu schildern. Für diese hat aber jene Ver-schiebung in der Bedarfsgestaltung eine untergeordnete Bedeutung:dem Kapitalismus ist es im Grunde gleichgültig, ob er schöne oderhäßliche Güter erzeugt; es genügt ihm, daß er mit ihrem VerkaufProfite erzielt. Und das tut er unter Umständen bei der Herstellungvon geschmacklosen Waren eher, als wenn er sich den Geschmacks-anweisungen des Künstlers fügt. Deshalb ist auch jene Veredelungdes Geschmacks, wie sie vor einigen Menschenaltern einsetzte, längstnicht so tief gedrungen, als hoffnungsfreudige Künstler und Kunst-gewerbler geglaubt haben. Wenn wir die Läden unserer Tage durch-mustern, so finden wir, daß unter den ausgestellten Waren die Scheuß-

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