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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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622 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung cl. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte

Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter sind andere geworden,und in dem Maße, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandeltsich das Werturteil über nützlich und schön.

Die Zusammenhänge liegen deutlich vor unseren Augen. Die sitzendeLebensweise des Städters läßt die schwere, an Kohlehydraten reicheKost der früheren Zeit nicht zu; sein unruhiges Leben erheischt Reiz-mittel und macht die Fleischnahrung zur Notwendigkeit.

Unsere Wohnung in den Städten ist ein leerer Mietkubus geworden,in dem wir unserZelt aufschlagen. Er bietet keinen Kaum mehr fürgroße Schränke, in denen wir Kleider und Wäsche aufstapeln. Undwie der Nomade suchen wir nach kurzer Käst einen neuen Standortfür unser Zelt. Die Angst vor demUmzug erstickt alle Wünschenach Dauergütern in uns. Unser Hausgestühl wird für den Möbelwagenproduziert.

Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Un-stetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. Beispielsmäßig: In einerStadt wie Breslau von 400000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl derumgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselbenJahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899)

gemeldet (NB. ausschließlich der Reisenden):

iu

Zugezogene

Abgezogene

Berlin .

. . 235611

178654

Breslau . .

. . 60283

54231

Hamburg .Stat. Jahrb. deutscher Städte.

. . 108281

86245

Und ebenso sind unsere Anforderungen an die Kleidung anderegeworden, seit wir in wohlgepflegten Straßen und gutgeheizten Zimmernhausen, denen sich die geheizten Bahnen zugesellen. Wie hätte es derKaufherr früherer Zeiten in seinen kalten Arbeitsstuben, wie die Damein den ungeheizten oder kaum geheizten Sälen von Versailles in derheutigen leichten Kleidung aushalten können! Und der Reisende imPostwagen ohne dicke Schals und Pelze und Fußsäcke!

Wie es der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmack-wandelnd gewirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuhwerksein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auchnoch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vorallem dauerhaftes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sichheute in Städten nur noch vereinzelt findet, dankt seine Entstehung einerZeit und einer Straßenverfassung, als es noch gelegentlich angebracht war,die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze undder Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zu Pferdestieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefeln die für