Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 621
Spinngewebe. Was für die Frauenkleidung gilt, gilt auch für die Männer-kleidung; der „Cheviot“, eine leichter Wollstoff, oft mit Baumwollegemischt, hat alle schweren Wollstoffe verdrängt. Das Schuhwerkbesteht aus Kalb - oder Ziegenleder oder Leinwand oder Seide. Das allesauch in den unteren Schichten.
Und wie Nahrung und Kleidung, so sind Wohnung und Hausgerätauf „Leichtigkeit“ abgestellt: handbreite Wände, fingerdicke Türen.In den Wohnräumen nur noch „Möbel“, bewegliche Sachen ein-schließlich die Öfen. Und alles aus dünnem, in besserer Aufmachung„furniertem“ Holz. Viel leichter Tand und Kram als Schmuck. Aufdem Tisch Halbleinen, durchsichtige Tisch- und (winzige) Mundtücher,Geschirr aus feinem Glas und Porzellan.
Fragen wir nach den Gründen dieser Wandlung, so werden wir zu-nächst jenes bereits gekennzeichneten „Zuges der Zeit“ nach raschemWechsel der Gebrauchsgegenstände gedenken. Wer den häufigenWechseldem Dauerbesitz vorzieht, muß auch die leichten Gegenstände wollen.Alle die Seelenstimmungen, die zum häufigen Wechsel drängen,fördern die Vorliebe für leichte Bedarfsgüter.
Daneben mag das Gefühl mitsprechen, daß leichter = feiner ist,„eleganter“; schwer erscheint als plump, als bäuerisch. Das heißtder „Geschmack“ der Zeit wandelt sich in der Richtung des Leichten,ein unbestimmter und unbestimmbarer Vorgang.
Für die Einbürgerung des leichten Stils in die Wohnung wird manzu einem guten Teil die Frau verantwortlich machen dürfen, dernamentlich in der Stadt immer mehr die Einrichtung zufällt. Manhat — wohl mit Recht — gesagt, daß der Frau der Sinn für dasTektonisch-Strenge abgeht. Sie liebt das Dekorative, das Gefällige,das sich in der modernen Wohnung in dem, was ich den „Zeltstil“genannt habe, auswirkt. (Eine Reaktionserscheinung wäre das moderne,deutsche Kunstgewerbe, das seinen Mangel in der ausschließlichenMännlichkeit der Orientierung [Verstand!] hat; daher keine Intimität,keine Wohnlichkeit, kein Komfort!)
Auf festeren Boden treten wir, wenn wir die Bewegung der leichtenGüter in Verbindung bringen mit den Wandlungen, die während des19. Jahrhunderts die Siedlungsweise der zivilisierten Menschheit er-fahren hat mit ihrer Verpflanzung in die Städte und deren Entwick-lung zu Großstädten. Diese Umschichtung hat das bewirkt, was mandie Urbanisierung der B edarfssitten nennen kann. Und mitdieser ist der Mehrverbrauch leichter Güter auf das engste verknüpft.