620 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
gestrickten Wollstrümpfe, das grobe Leinenhemd, das Mieder aus Filz,der plumpe Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten belegt.
Die Kleidung des Bürgers: nicht minder „solide“, so daß der Rockdes Vaters auf Generationen vererbte.
Die Kleidung des Reichen: prächtig, überladen mit Gold- undSilberstickerei, aus Brokat und Atlas (Velasquez! Louis XIV !).
Das Schuhwerk: aus Roß- oder Rindsleder, hohe Schäfte, Stulpen-stiefel.
Leib-, Bett-, Tischwäsche aus derbem Leinen oder schwerem Damast,so daß sie Jahrhunderte überdauerte. Wir haben in unseren Schränkenheute noch Tisch- und Mundtücher aus dem 17. Jahrhundert. In riesigenFormaten: Hemden bis auf die Knöchel, Servietten von der Größeeines Tischtuches, Schnupftücher von dem Umfang eines Halstuches.
Ein Ausdruck und eine Folge dieser Dauerhaftigkeit aller Kleidungs-stücke war der Altwarenhandel.
Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung alter Gegen-stände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts,blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler in den meistenStädten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft muß es der-einst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen,wie im 16. Jahrhundert die Notabeln von Frankreich Beschwerde führenüber die gefährliche Konkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten,Stiefeln, Schuhen usw., die von England herüberkamen, den ansässigenGewerbetreibenden bereiteten! Beschwerde der Notabelnversammlungim Jahre 1597, daß die Engländer „remplissent le royaume de leurs vieuxchapeaux, bottes et savates qu’ils font porter ä pleins vaisseaux enPicardie et en Normandie. G. D’Avenel , Le mecanisme de la viemoderne, 1896, 32.
Die Wohnung und der Hausrat nicht minder „solide“: dicke Wände,dicke Türen, dicke Fenster. Eingebaute Betten, Öfen, Bänke. Schwere,massive Tische, Stühle, Schränke. Riesige Schlüsseln. Haltbares Geschirraus Holz, Zinn, Steingut.
Und dagegen heute!
Die Nahrung ist „leicht“ geworden: wenig Kohlehydrate, dagegenviel Fleisch, viel Reizmittel. Statt schwerem Roggenbrot leichtesWeizenbrot.
Die Kleidung besteht meist aus leichten, rasch abgetragenen Stoffen,die keine Ausbesserungen zulassen. Die Wandlung in der Frauenkleidungbeginnt wohl mit dem Aufkommen der Musseline im 18. Jahrhundert.Sie ist immer „leichter“ geworden. Die Stoffe der Kleider, Wäsche,Strümpfe sind Baumwolle, Battist, dünne Seide. Das Festkleid ein