694 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Beispiel: Vor der Begründung des Zuckerkartells in den VereinigtenStaaten (1887) bestanden dort nur noch 40 Fabriken, jede mit einemAktienkapital von 3 bis 5 Millionen Dollar; davon machten 18 vor derKartellierung Bankerott.
b) Die Unternehmungen nahmen je mehr und mehr die Form derAktiengesellschaft an und steigerten dadurch wiederum ihre Fähigkeit(und Geneigtheit), sich zu kartellieren.
c) Seit den 1880er Jahren gingen, wie wir wissen, immer mehr. Länder zum Schutzzollsystem über, das zwar keine notwendige Be-dingung, aber doch eine wesentliche Erleichterung der Kartellbildung ist.
d) Während des letzten Menschenalters stieg, wie später noch zuzeigen sein wird, der Einfluß der Banken auf die Transport- undIndustrieunternehmungen. Das bedeutete aber abermals eine wesent-liche Förderung der Kartellbewegung. Die Banken nämlich haben ausverschiedenen Gründen ein Interesse an der Verständigung konkur-rierender Unternehmungen, weil die Zeit des erbitterten Konkurrenz-kampfes für alle Beteiligten, also auch die Banken, eine Schädigungbedeutet; weil ein Totkonkurrieren der einen Unternehmung, die eben-falls eine Kundin der Bank ist, dieser Verlust bringt; weil die Bank andem Monopol und den dadurch ermöglichten höheren Profiten selbstinteressiert ist usw. Dazu kommt, daß die Bank durch ihren Einflußdie Macht bekommt, das Kartell im Notfall zu erzwingen.
e) Seit der Mitte der 1890er Jahre trat der Kapitalismus in einePeriode der Hochkonjunktur ein, die mit geringen Unterbrechungenbis zum Beginn des Weltkrieges anhielt. Damit aber wurde der Anreizzur Kartellbildung offenbar gesteigert, da auf steigende Konjunkturenihr günstiger sind als niedergehende.
Die Ansichten, ob dem so sei, sind oder vielleicht richtiger, warengeteilt. Ja — früher war die Meinung sehr verbreitet, daß die Kartellegeradezu „Kinder der Not“ seien. In dem Jahresbericht der Handels-kammer zu Duisburg vom Jahre 1894 z. B. heißt es: „Man kann heutenicht mehr im Zweifel sein, daß diese Verbände der gewerblichen Unter-nehmer geradezu eine Lebensfrage für die Industrie geworden sind. Nurder heftigste Druck der darniederliegenden Verhältnisse hatdie Unternehmer dazu veranlaßt, einen Teil ihrer Selbständigkeit auf-zugeben und einer gemeinsamen Leitung zu übertragen. Schließlich be-steht auch nur die Wahl zwischen dauernd unlohnenden oder verlust-bringenden Betrieben und einer wenigstens einigermaßen die Mühe undSorge entschädigenden gemeinsamen Betriebsweise . .“ Es ist eine „durchden geschäftlichen Druck sich aufzwingende Erkenntnis,daß ohne Vereinbarungen nicht mehr auszukommen sei. .