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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 695

Demgegenüber hat sich allmählich die entgegengesetzte Auffassung,wie ich sie oben vertrat, Geltung verschafft, daß nämlich der Aufschwungder günstigere Boden für Kartelle sei, denn, wie ein vortrefflicher Kennerdes Wirtschaftslebens, Dr. Voelcker, sehr richtig bemerkt,die Aussichtauf Erhaltung günstiger Preise, verbunden mit starker Nachfrage, bildetdie stärkste Triebfeder zur Vereinigung gemeinsamer Interessen. Das Be-streben dagegen, um jeden, auch den niedrigsten Preis Aufträge zu er-langen und diese dem Konkurrenten wegzunehmen, erschwert ein gemein-sames Vorgehen.

Diese beiden Äußerungen sachkundiger Männer sind bezeichnend fürden Zeitpunkt, in dem sie gefällt wurden; jene steht am Anfang, diese amSchlüsse der großen Kartellbewegung in Deutschland . Jene konnte sichauf wenige, diese kann sich auf zahlreiche Zeugnisse stützen. Und dieStatistik gibt ihr, wie wir allsobald sehen werden, jedenfalls recht.

2. Eine genaue Statistik, aus der wir die Verbreitung der Kar-telle ersehen könnten, fehlt leider. Immerhin vermögen wir an derHand des uns zur Verfügung stehenden Stoffes zu erkennen, daß undwie sich (in großen Zügen) entsprechend der Erfüllung ihrer Daseins-bedingungen die Kartelle entwickelt haben, daß sie auf allen Gebietendes Wirtschaftslebens mit Ausnahme der Landwirtschaft, wo sie einer-seits schwieriger, andererseits entbehrlicher (wegen der fehlenden Kon-kurrenz) sind, sich entwickelt haben, besonders stark auf denen dergewerblichen Produktion.

Internationale Kartelle gab es (nach einer amerikanischenStatistik) beim Ausbruch des Weltkrieges etwa 80 ; der beste Beweisfür die Irrtümlichkeit der Annahme, daß der Schutzzoll notwendigeBedingung für die Kartellbildung sei. Und zwar begegnen wir deninternationalen Kartellen auf allen Gebieten: im Warenhandel (Eier!)und im Transportgewerbe. Hier war dasSchiffahrtsabkommen(Shipping Trust), das im Jahre 1908 zwischen deutschen, englischenund amerikanischen Reedereifirmen geschlossen, um den Zwischendeck-Passagierverkehr aufzuteilen, der bedeutsamste Fall. Über andereinternationale Schiffahrtskartelle unterrichtet K. Thieß a. a. 0.

Zahlreich waren die internationalen Kartelle, von denen die meistenerst in den letzten 10 bis 15 Jahren vor dem Kriege entstanden sind,auf dem Gebiete der Industrie: in Metallen, Eisenwaren, Maschinen,Chemikalien, Glas (Flaschenkartell!) und Porzellan, Nahrungs- undGenußmitteln, Textilerzeugnissen, Schiffsausrüstungsgegenständen (Na-val Stores) u. a.

Nationale (beziehungsweise lokale) Kartelle sind in allen Län-dern mit kapitalistischer Kultur auf allen Gebieten verbreitet. Soweit