Druckschrift 
3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
Entstehung
Seite
749
Einzelbild herunterladen
 

Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 740

1. die Bevorschussung des Bauern, mit der moralisch odervertraglich erzwungenen Verpflichtung zur Lieferung an den Geld-geber. Sie hat in Westeuropa, wo sie später alsWucher gebrandmarktwurde, während fast der ganzen hochkapitalistischen Epoche eine be-trächtliche Rolle gespielt und ist dort erst gegen das Ende des 19. Jahr-hunderts durch eine auf genossenschaftlicher und gemeinwirtschaft-licher Grundlage ruhende Kreditwirtschaft abgelöst worden. In denperipherischen Ländern hat sie eine noch größere Bedeutung gehabtund sie bis zum Ende des hochkapitalistischen Zeitalters bewahrt.Wir haben von dieser Abhängigmacbung des ländlichen Produzentenvom Geldgeber schon zu verschiedenen Malen Kenntnis genommen,und ich werde in einem anderen Zusammenhänge noch einmal daraufzu sprechen kommen.

2. Die Bevorschussung des Handwerkers ist die Form gewesen,in der mit Vorliebe der Kapitalismus in das europäische Wirtschafts-leben sich Eingang zu verschaffen gewußt hat. Wir nennen diese Sym-biose zwischen Geldgeber und Handwerker ,,V e r 1 a g, und ich habevon diesem Abhängigkeitsverhältnis, seiner Entstehung und seinerEntwicklung während der frühkapitalistischen Epoche sehr ausführlichim zweiten Bande dieses Werkes gehandelt, siehe namentlich das fünf-undvierzigste Kapitel daselbst.

Aber auch im Zeitalter des Hochkapitalismus sind diese Fälle derindirekten Abhängigkeit des Handwerkers vom Kapital,wie ich sie genannt habe, keineswegs verschwunden. Sie haben bis indie letzte Zeit eine gewisse Rolle gespielt, und es ist nicht überflüssig,daß wir uns wenigstens an einigen typischen Beispielen das Verhältnis,um das es sich hier handelt, klarmachen. Es wird genügen, wenn ichdie Beispiele aus Deutschland wähle; in den übrigen Ländern mitkapitalistischer Kultur liegen die Dinge ganz ähnlich.

Betrachten wir zunächst einige gewerbliche Handwerke!

Die Zeit, für die die Angaben gelten, ist das letzte Jahrzehnt des19. Jahrhunderts. Im wesentlichen hat sich aber in den folgenden Jahr-zehnten an den geschilderten Zuständen nichts geändert.

In einem Verhältnis indirekter, aber darum nicht weniger fester Ab-hängigkeit vom Kapital befinden sich zahlreiche Bäcker in den Groß-städten. Die Statistik weist fast überall eine bedeutende Vermehrungder Bäckereibetriebe, und zwar gerade der allerkleinsten, insonderheitder Alleinbetriebe auf. Diese Bäckereibetriebe haben nur die Lebensdauerder Eintagsfliegen: es sind ephemere Produkte kapitalistischer Speku-lation auf Bäckermeister und Gesellen mit Etablierungsdrang.