750 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Diese „Bäckermeister“ sind durchaus als Arbeiter im Dienste desKapitals zu betrachten. Dieses drängt sich von zwei Seiten an sie heran:von der Seite der Mehlhändler und von der Seite der Bauspekulanten her.
Eine ähnliche Erscheinung wie der Kleinbäcker in Abhängigkeit vomMehlhändler ist der Kleinfleischer von Viehhändlers oder KommissionärsGnaden. Das Monopol, das auf einzelnen großstädtischen Viehmärktendie größeren Händler und Kommissionäre besitzen, nutzen sie zuweilenaus, um kleine Fleischer ihrem Willen zu unterwerfen.
Auch in der Schlosserei kommen, wenn auch nur vereinzelt, analogeAbhängigkeitsverhältnisse vor, wie wir sie für die Bäckerei kennengelernthaben. So sollen Nürnberger Eisenhandlungen im Kreditgewähren so weitgehen, daß sie selbst solchen bereitwillig Werkzeuge und Material zurVerfügung stellen, die ihnen nicht die geringste Garantie bieten. (Sehr.d.V. f. S. P. 64, 472/73.) Dasselbeerfahren wir von der Kleineisenindustrie.Siehe z. B. Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle.3 1 (1904), 444. Ein typischer Fall, wie ein Verlags Verhältnis entsteht.
Ganz allgemein kommen wiederum diejenigen Gebiete der Möbel-tischlerei in Betracht, die nicht mehr rein handwerksmäßig und nochnicht rein kapitalistisch organisiert sind, Kleinmeister also, die sich, umihre Erzeugnisse abzusetzen, genötigt sehen, die Hilfe des Kapitals inAnspruch zu nehmen, und dadurch in dessen Botmäßigkeit geraten.Dieses wird — wo es sich nicht um Export handelt — vertreten durchdas Möbelmagazin, „für das der Meister arbeitet“. Es springt nun indie Augen, daß der Grad der Abhängigkeit, in der sich der Tischler vondiesem Magazin befindet, ein sehr verschiedener sein kann: von fast völligerFreiheit im Abschluß der Lieferungsverträge bis zur völligen und reinenHeimarbeitschaft, wenn der Magazininhaber sogar den Rohstoff und dieWerkstatteinrichtung liefert. Die Mehrzahl der Fälle wird durch eine Artindirekter Abhängigkeit gebildet werden.
In allen Großstädten verbreitet ist die hausierende Tischlerei,dasjenige, was die Franzosen „tröle“ nennen, die Engländer als Hökerei(„hawking“) bezeichnen. Es ist dies der Fall, in dem kleine Tischler „aufVorrat“ und gegen Vorschuß des Möbelmagazins arbeiten und ihre Waredann an einem bestimmten Tage Laden für Laden feilbieten.
Marx beschreibt dieses „System“ auf Grund in England gewonnenerAnschauungen schon im Jahre 1865. Ende des 19. Jahrhunderts findenwir genau dieselben Zustände in allen festländischen Großstädten wieder.
In einer ganz ähnlichen Stellung wie der für das Magazin arbeitendeMöbeltischler befindet sich der Tapezierer, der die Polsterungen an denMöbeln zu besorgen hat. Auch er bleibt nominell selbständiger Hand-werksmeister, steht aber in mehr oder minder fester Abhängigkeit von derkapitalistischen Unternehmung, die ebenfalls entweder ein großes Aus-stattungsgeschäft oder ein einfaches Möbelmagazin ist. Zwischen demUnternehmer und einem Meister herrscht zuweilen eine Art von dauern-dem Produktionsverhältnisse. Dann ist der Meister verpflichtet, aus-schließlich für den einen Unternehmer zu arbeiten, und dieser, seinenBedarf bei dem Meister zu decken.