Neunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen
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stadtlosen Zeit, häufig in Anknüpfung an bäuerliche Eigenproduktion.Ihr Arbeitermangel rekrutierte sich aus der im langsamen Verlauforganischen Wachstums sich ergebenden Überschußbevölkerung. Wich-tigste Typen dieser älteren Hausindustrien: sämtliche Zweige der Textil-industrie, früher Spinnerei, heute noch (im Aussterben) Weberei, diesog. Kleineisenindustrie, die Fabrikation sog. „Nürnberger Waren“, diesich später zu Kurzwaren auswachsen, Spielwarenindustrie, Instrumenten-macherei, Uhrmacherei u. a.
Die modernen Hausindustrien entstehen zu einer Zeit schonhochentwickelter kapitalistischer Wirtschaftsweise. In einer Zeit, die inzunehmendem Maße von der Großstadt beherrscht wird, vielfach undbesonders gern in Großstädten, von denen sie sich dann erst über Klein-städte und plattes Land verbreiten. Was sie besonders kennzeichnet,ist die ganz andere Beschaffenheit ihres Arbeitermaterials; sie ruhen aufden infolge des immer rascher sich abwickelnden Auflösungsprozessesaller früheren sozialen Verfassung (Bauernwirtschaft, Gutswirtschaft,Handwerk, Familie) in großen Mengen freigesetzten und auf den Marktgeworfenen Bevölkerungsmassen: deklassierte Handwerksmeister, bäuer-liche Uberschußbevölkerung, vor allem aber Frauen in den Großstädten;Frauen in Gestalt berufsmäßiger Gewerbetreibender, Frauen in Form vonAVitwen .(heute vor allem Kriegerwitwen und -waisen) und Ehegattinnen,die ihre früher in der Konsumtionswirtschaft verwandte Arbeitskraftjetzt durch gewerbliche Lohnarbeit als Füllarbeit zu verwerten suchen,Frauen in Gestalt von Zuschußverdienst suchenden Haustöchtern u. dgl.Die bedeutendsten dieser modernen Hausindustrien sind die Totengräberder letzten großen Handwerke: Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei.
Die Lage ist nun diese: Jene älteren Hausindustrien — das sind aberdiejenigen, denen wir früher bereits begegnet sind — nehmen, wie wirfeststellen konnten, auf der ganzen Linie ab, die neueren, „modernen“ Haus-industrien nehmen im Gegenteil zu. Das gilt allgemein für die Zeitspannevon 1882 bis 1895. (Siehe Tabelle Seite 766.)
In der Hauptsache hat die Entwicklung von 1895 auf 1907 die gleicheRichtung eingeschlagen wie in dem Zeitraum 1882 auf 1895. Unter denHausindustrien mit Verminderungstendenz stehen auch jetzt noch dieverschiedenen Zweige der Textilindustrie obenan, die sich um 54785 Per-sonen vermindert haben. Dann aber stehen auf der Verminderungslistezwei Gewerbe, für welche die Kennzeichnung als „alte Hausindustrie“nicht zutrifft: Tischlerei (mit Drechslerei) und Schuhmacherei, die beidesehr beträchtlich (um 11000 und 8000 Personen) abgenommen haben.Das bedeutet aber nichts anderes, als daß diese „neuen Hausindustrien“den Gipfelpunkt ihrer Entwicklung bereits überschritten haben und imBegriff sind, in die fabrikmäßige Organisation überzugehen. Was sichfrüher im Verlauf von mehreren Jahrhunderten abspielte: Vernichtungeines Handwerks durch eine kapitalistische Hausindustrie und Verwand-lung der Hausindustrie in eine Fabrikindustrie, das erleben wir jetzt ineinem kurzen Menschenalter.