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Dreiandfünfzigstes Kapitel
Die Vergeistung der Betriebe
Geist nenne ich in diesem Zusammenhänge alles Immaterielle, dasnicht Seele ist. Geist hat ein selbständiges Dasein, ohne lebendigzu sein. Seele ist immer lehengebunden, als Menschenseele immerpersongebunden. Vergeistung ist die Hinbewegung vom Seelischenzum Geistigen, ist Herausstellung, Obj ektivierung seelischer Vorgänge,„V ersachlichung“.
Was ich als die Vergeistung der Betriebe bezeichne, steht zu dem,was ich im vorigen Kapitel als Verwissenschaftlichung der Betriebs-führung erklärt habe, in einem in verschiedener Weise bestimmbarenVerhältnis: die Vergeistung ist teils Ziel (Intention), teils Wirkung,teils Voraussetzung der Wissenschaftlichkeit. Sie muß daher, trotzihrer engen Verwandtschaft mit jenem Begriffe, als Sonderproblembehandelt werden.
Die Vorarbeiten liefern — bis auf ganz wenige Ausnahmen — geringeAusbeute. Sie sind ein schlagendes Beispiel für den immer von mir be-haupteten Unsegen, den die wertende Betrachtungsweise für die wissen-schaftliche Erkenntnis stiftet. Man hat sich „entrüstet“ und „be-geistert“ und hat dadurch den Tatbestand nicht erhellt, sondernverdunkelt, hat Wärme statt Licht verbreitet. So ist es gekommen, daßman nicht einmal das Problem richtig erfaßt hat: man hat von „Ent-seelung“ der Arbeit und „Entgeistung“ als von einem und demselbengesprochen und hat nicht erkannt, daß sie nicht nur nicht dasselbe,sondern daß sie etwas Entgegengesetztes sind. Das Problem, um dases sich in Wirklichkeit handelt, ist der große, sehr allgemeine Vorgangunserer Zeit, den wir auch bei der Gestaltung der Betriebe beobachten:der Entseelung und Vergeistung. Daß und wie der Betrieb sich wandeltaus einer Gemeinschaft lebendiger, durch persönliche Beziehungenaneinander gebundener Menschen in ein System kunstvoll ineinandergreifender Arbeitsleistungen, deren Vollbringer auswechselbare Funktio-näre in Menschengestalt sind, gilt es zu verstehen. Dabei ist jederWertakzent vermieden. Ob Seele, ob Geist das „Wertvollere“ sei,bleibt dahingestellt. Man mag Seele als das „Lebendige“ weit über