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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Schluß: Die Gesamtwirtschaft

falen einheitlich von einigen großen Zentralen mit billigem Strom zu ver-sorgen. Dazu gesellte sich bald ein zweites gewaltiges Projekt: unterFührung des RWE sollten auch die Straßenbahnen des Industriebezirksvereinheitlicht, planmäßig ausgebaut und vom RWE mit Strom versorgtwerden. Später trat dazu das Streben, unter Verwertung der Zechen-kokereigase auch die Gasversorgung für das Industriegebiet und darüberhinaus einheitlich zu organisieren. So wuchs sich das Unternehmen immermehr aus, bis es einen Kapitalwert von 38 Millionen Mk. hatte.

An dem RWE, das zunächst als rein privates Unternehmen begründetworden war, haben sich dann im Laufe der Zeit eine ganze Reihe vonGemeinden und Kreisen beteiligt. Den Anfang machten die Städte Essen ,Mülheim-Ruhr und Gelsenkirchen , die nach und nach aus Privathändengrößere Posten von Aktien kauften. Im August 1908 beschloß der Land-kreis Essen, nom. 750 000 Mk. Aktien des RWE zu erwerben. Einige Wochendarauf folgten die Landkreise Solingen und Dinslake dem Beispiele vonEssen -Land usw. Der Hauptgrund war in allen Fällen der Wunsch, aufdas Unternehmen, das die Gebiete der Gemeinden und Kreise mit Stromversorgte, einen Einfluß zu erlangen. Daneben spielte dann auch der Ge-sichtspunkt, an den Erträgen des Werkes teilzunehmen, eine wichtigeRolle. Stellt man die Beteiligung der öffentlichen Körperschaften zu-sammen, so ergibt sich, daß 16 Gemeinden und Kreise 13 Millionen Mk.,also etwa 30% des Aktienkapitals besitzen.

In der Verwaltung sind die öffentlichen Körper sogar noch in einemgrößeren Verhältnis, als es ihrem Aktienbesitz entsprechen würde, ver-treten: von den 24 Aufsichtsratstellen entfallen 14 auf die Vertreter derbeteiligten öffentlichen Körperschaften.

Der Betrieb soll möglichst nach Art kapitalistischer Unternehmungen,nachkaufmännischen Grundsätzen geführt werden. Die Direktoren unddie ganze Art der Geschäftsorganisation sind von der ursprünglichenPrivatunternehmung einfach übernommen worden. Siehe a. a. O. Seite 5,7, 28, 30 ff., 169. Das Passowsche Buch enthält ein reiches Materialzur Geschichte zahlreicher anderer gemischt-öffentlicher Betriebe aufdem genannten Gebiete.

Diesem zweiten Typus gehören auch die meisten der zahlreichengemischt-öffentlichen Unternehmungen an, die Bernard Lavergne in seinem wertvollen Buche: L Ordre cooperatif 1. (1926) unter derBezeichnungRegies cooperatives beschreibt.

Beispiele des dritten Typus waren vor dem Kriege noch nichtsehr zahlreich. (Nach dem Kriege haben sie sich vermehrt. So ist dieOrganisation der deutschen Kohlenwirtschaft diesem Typus gemäßerfolgt.) Als ein besonders interessantes Gebilde dieser Art erscheintdie 1912 in Mannheim ins Leben gerufene Milchzentrale.

Die Mannheimer Milchzentrale ist eineGenossenschaft , deren Mit-glieder die Stadtgemeinde, der Kreisausschuß, der Konsumverein, dasGewerkschaftskartell, der Frauenverein Mannheims, einige Beamtenvereine