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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 2 (1927) Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft : die gesamtwirtschaft ; mit mehreren Namen u. Sachregistern ...
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Sechzigstes Kapitel

Das Wirtschaftsleben der Zukunft

i.

Die Zukunft Voraussagen, ist immer eine mißliche Sache. Und aufdem Gebiete der wirtschaftlichen und sozialen Geschichte scheintes besonders gefährlich zu sein. Gerade die Klügsten haben sich amgründlichsten geirrt.

Zum Belege, wie sehr bedeutende Denker in die Irre gehen können,wenn sie die zukünftige Entwicklung vorzeichnen wollen, will ich nurdrei Beispiele anführen:

Alexandre Tocqueville prophezeite von den Vereinigten Staaten vonAmerika im Jahre 1840:Les grandes richesses disparaissent, le nombredes petites fortunes saccroit. De la democratie en Amerique. 2 e partie 3,176. Derselbe Autor äußert an derselben Stelle die Ansicht, daß dieRevolutionen ebenso wie die Kriege verschwinden werden u. a. m.

Gustav Schmollers nachgelassenes Werk, dessen Vorwort am1. Oktober 1918 von Frau v. Schmoller geschrieben wurde, schließt mitden Worten:Schon heute können wir sagen, die Monarchie nebst ihrenOrganen und die Arbeiterwelt stellen die lebendigsten, politischen Kräftein Deutschland dar, denen gegenüber die alten Parteien und die übrigenKlassen wohl die Majorität, aber auch die gesättigten, trägeren Elementedes Staatslebens bilden. Und wer glaubt, daß die stärksten Mächte in einemStaate sich behaupten, der wird nicht fehlgreifen, wenn er prophezeit:wie einst der Liberalismus mit der deutschen Beamten- und Militär-monarchie . . . sich zu gemeinsamen Reformen zusammengefunden habe,so werde es einst der Sozialismus.Die soziale Frage, 1918, Seite 648.

Karl Marx prophezeite: 1. die fortschreitende Verelendung der Lohn-arbeiterschaft; 2. die allgemeineKonzentration nebst Untergang desHandwerks und Bauerntums; 3. den katastrophenartigen Zusammen-bruch des Kapitalismus.

Nichts von alledem ist eingetroffen.

Aber "vielleicht irrten jene Großen deshalb so schmählich, weil sieso groß und darum so verliebt in ihre Meinung waren. Vielleicht aberauch, weil es so leidenschaftliche Politiker sind, die so durchdrungenvon ihren praktischen Ideen waren, daß sie keinen Unterschied zumachen wußten zwischen dem, was sie wollten, daß es sein sollte,und dem, was Aussicht hat, zu werden. Dazwischen zu unterscheiden,