Sechzigstes Kapitel: Das Wirtschaftsleben der Zukunft
1009
ist natürlich die allererste Bedingung, die erfüllt sein muß, wenn mandie wahrscheinliche Entwicklung der Zukunft Voraussagen will. Unddann muß man sich damit begnügen, in ganz vagen Umrissen die aller-allgemeinsten Züge zu zeichnen. Insbesondere aber gilt es, die ver-schiedenen Möglichkeiten aufzuweisen, die sich aus sicher gegebenenTatbeständen ergeben, und zwischen denen dann die Zukunft wählenkann; vor allem auch — und das läßt sich mit ziemlicher Bestimmt-heit tun — festzustellen, welche Möglichkeiten der zukünftigen Ge-staltung ausgeschlossen sind.
II.
Yon einer ganzen Beihe von Ansichten über die zukünftige Ge-staltung des Wirtschaftslebens läßt sich mit einiger Gewißheit sagen,daß sie falsch sind.
1. Alle diejenigen irren, die für die Zukunft die Alleinherrschafteines Wirtschaftssystems Voraussagen. Das würde aller bisherigenErfahrung, aber auch dem Wesen der wirtschaftlichen Entwicklungwidersprechen. Wir beobachten, daß im Verlauf der Geschichte dieZahl der in einer Zeit geübten Wirtschaftsweisen sich immer mehrvermehrt. Das Wirtschaftsleben gestaltet sich immer reicher. Wie ineiner Fuge tritt eine neue Stimme hinzu, ohne daß die alten aufhörenzu klingen. So hatte das europäische Mittelalter schon Dorfwirtschaft,Fronhof Wirtschaft, Handwerk nebeneinander; dann kam der Kapi-talismus hinzu, aber Eigenwirtschaft, Dorfwirtschaft, Handwerk er-hielten sich. Zu diesen Wirtschaftssystemen gesellten sich all die ver-schiedenen Weisen zu wirtschaften, die ich in den voraufgehendenbeiden Kapiteln geschildert habe. Und zweifellos werden nun alle dieseWirtschaftsarten im Wirtschaftsleben der Zukunft nebeneinander be-stehen :
(1.) Kapitalismus; ( 2.) Genossenschaftswirtschaft; (3.) Gemeinwirt-schaft; (4.) Eigenwirtschaft; (5.) Handwerk; (6.) Bauernwirtschaft. Siewerden sich innerlich umbilden. Sie werden ihre Anteile verschieben.Aber sie werden da sein. Wie ich im folgenden noch genauer fest-stellen werde.
2. Alle diejenigen irren, die einen gewaltsamen Umsturz der be-stehenden Wirtschaftsverfassung und eine plötzliche Änderung derGrundlagen des Wirtschaftslebens erwarten. Auch diese Ansicht ver-kennt das Wesen der wirtschaftlichen Entwicklung, die immer in derGestalt einer allmählichen, „organischen“ Umbildung bestehender Zu-