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1 (1913) Luxus und Kapitalismus
Entstehung
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Der neue Adel

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Noch Montesquieu hat die ewig denkwürdigen Worte ge-sprochen:Alles ist verloren, wenn der einträgliche Berufdes Finanzmanns schließlich auch ein geachteter Beruf zuwerden verspricht! Dann erfaßt ein Ekel alle übrigen Stände,die Ehre verliert alle ihre Bedeutung, die langsamen undnatürlichen Mittel, sich auszuzeichnen, verfangen nicht mehr,und die Regierung ist in ihrem innersten Wesen erschüttert(frappö dans son principe).

Diese Empfindung hegten nicht etwa nur die Mitgliederder feudalen Gesellschaft: sie war allgemein in denjenigenSchichten der Bevölkerung verbreitet, die anfingen, sich überdie große Menge der misera contribuens plebs zu erheben.Ihr entsprang das Bestreben der besseren, d. h. reicheren Kauf-leute und kapitalistischen Unternehmer, sich alsbourgeoisvon den übrigen Angehörigen der Erwerbstände abzuheben(von welchen Bestrebungen wir in anderem Zusammenhängenoch Kenntnis nehmen werden); ihr entsprang aber vor allemdie Sehnsucht aller reich gewordenen Roturiers nach demAdel. Möglich, daß hier in Frankreich diese Sehnsucht nochstärker war als in anderen Ländern, weil ja der Adel auchpolitisch ein so sehr bevorrechteter Stand war, ihm anzu-gehören also nicht nur gesellschaftliche, sondern auch rechtansehnliche materielle Vorteile bot.

Seit jeher beobachten wir, wie der Adel Zuzug aus denSchichten der reich gewordenen Geschäftsleute erhält. Dasist, wie ich hier einfiechten will, eine ganz allgemeine Er-scheinung, die in allen Ländern seit dem frühesten Mittelaltersich beobachten läßt. Ich möchte fast sagen: in ganz frühenZeiten mehr als später. Wir wissen jetzt, daß die Geschlechterin den deutschen Städten sich beständig von unten er-gänzen, das heißt die Sonntagskinder, die aus Handel undHandwerk aufstiegen, in ihren Kreis aufgenommen haben 16 ;wir wissen dasselbe von den Adelsfamilien der italienischenStädte, die schon im Frühmittelalter vielfach aus reich ge-

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