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Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft
wordenen Händlern sich bildeten 16 ; wir wissen es ebenso vonder englischen Aristokratie, daß sie von jeher Zuzug ausden Niederungen der Artes sordidae erhalten hat: ich möchtean eine wenig beachtete, aber, wie mir scheint, wichtige Stelleaus den angelsächsischen Rechtsquellen, an eine Bestimmungdes Königs Athelstan von England erinnern, die also lautet 17 :„And if a merchant thrived (= Glück hat, in die Höhe kommt)so that he fared thrice over the wide sea by his own means(craft), then was he thence forth of thane-right worthy.“Und daß es bei der Bildung des französischen Adelsnicht anders hergegangen ist, versteht sich von selbst 18 .
Aber ich glaube doch, man sollte folgende Erwägung nichtunterdrücken: es macht einen grundsätzlichen Unterschied aus,ob ein reicher Kaufmann oder Finanzmann im 13. oder im17. Jahrhundert in den Adelstand erhoben wird. Damalsherrscht der Feudalismus noch so gut wie unbeschränkt: derAdel besteht fast ausschließlich aus ritterbürtigen Grund-besitzern ; der Roturier, der in ihn hineingeschoben wird, ver-ändert nicht im geringsten den Lebensstil der feudalen Welt,an die er sich innerlich und äußerlich binnen ganz kurzemanpaßt, die ihn gleichsam einsaugt wie ein Schwamm einekleine Menge Flüssigkeit: das alles folgt aus dem Kräfte-verhältnis zwischen dem Vorhandenen und dem Zugesetzten:dieses ist im Vergleich mit jenen eine Winzigkeit. Nach einemJahrhundert erscheint dieser Zusatz zum alten Feudaladel mitdiesem zu einer einzigen, einförmigen Masse verschmolzen undwas etwa an „alten Familien“ um 1550 in Genua oder Florenz, in England oder Frankreich noch übrig ist, das heißt ausFamilien, deren Stammbaum 200 Jahre und länger zurück-reicht: an denen kann man beim besten Willen nicht mehrunterscheiden, ob ihre Stammväter dereinst einmal Gemein-freie, Grundbesitzer oder Ministerialen oder Packenträger ge-wesen sind: sie gehören allesamt dem „Feudaladel“ an undtreten in Gegensatz zu den nunmehr, namentlich seit dem