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Zweites Kapitel: Die Großstadt
Verhältniszahlen sich stark nähern (und eigentlich nur soweitvoneinander abweichen, als Londons Handel dem Pariser überlegen war).
Daß der Handel bei einer Beschreibung Londons stets vor allemals das städtebildende Element hervorgehoben wird, z. B. auch vonChamberlayne, ist begreiflich; er stach jedem Beschauer in dieAugen. Die ziffermäßige Feststellung dagegen ergibt auf das deutlichste,daß der „Handel“ gewiß nur den kleineren Teil der Londoner Bevölke-rung hätte ernähren können. Die Ein- und Ausfuhr Gesamtenglandsbezifferte sich im Jahre 1700 auf einen Wert von 214 Mill. Mk., eineSumme, wie sie der Handel der Stadt Bremen allein etwa um die Mittedes 19. Jahrhunderts erreichte. Der Tonnengehalt der in sämtlichenHäfen Englands im Jahre 1688 ein- und ausgelaufenen Schiffe betrug285 000 t, soviel wie Hamburgs Schiffahrt etwa im Jahre 1800, das istetwa der fünfzigste Teil ihres jetzigen Umfangs. Siehe die Ziffern beiGo 1 dstein, 143 (nach Chalmers und Price Williams). Man kannallen Respekt vor der Handelsgröße Londons in jener Zeit haben, mußsich aber doch hüten, die Phrasen der zeitgenössischen Schriftsteller vondem „infinite number of ships, which by their masts resemble a Forest,as they lie along this Stream“ (Themse), dem „infinite number of greatwellfurnished Shops“ (Chamberlayne) zum Anlaß übertriebener Vor-stellungen zu nehmen, sondern muß, wenn man den Anteil des „Handels“an der Größe Londons ermessen will, etwa folgendes Rechenexempelanstellen:
Ein- und Ausfuhrwert ganz Englands betragen 1700 nicht ganz11 Mill. £\ rechnen wir einen auch für jene Zeit wohl reichlichen reinenDurchnittsprofit von 10°/o an dieser Summe, so ergibt dies 1 100000^;veranschlagen wir weiter den auf London vom Gesamthandel Englands entfallenden Anteil auf 2 ls, was gewiß auch hoch genug ist, so wäre dieseine Summe von rund 750 000 £ Handelsgewinn Londoner Kaufleute.Nun nimmt King für das Jahr 1688 das Durchschnittseinkommen einerHandwerkerfamilie mit 40 £, einer Arbeiterfamilie mit 15 £ an. Vonjener Summe würden also etwa 7000 Handwerkerfamilien und 24000Arbeiterfamilien oder 12 000 Familien von jeder Kategorie haben lebenkönnen. King will die Kopfzahl jeder dieser Familien auf 3V2 bzw. 4bemessen sehen. Auf keinen Fall würden also viel über 100 000 Seelen,d. h. 1 h— 1 le des damaligen London herauskommen, die vom „Handel“gelebt hätten.
Nun muß aber weiter bedacht werden, daß der in London sich abwickelnde Handel natürlich nur insoweit städtebildendeKraft haben konnte, als er nicht den Warenaustausch für die