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Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe
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I. Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe
Ich wüßte nicht, welches Ereignis für die gesamte Lebens-gestaltung der alten und neuen Gesellschaft wichtiger gewesenwäre als die Wandlungen, die die Beziehung der Geschlechterzueinander seit dem Mittelalter bis in die Zeit des Rokokohinein durchmachen. Insbesondere das Verständnis für dieGenesis des modernen Kapitalismus ist engstens gebunden aneine richtige Würdigung jener grundstürzenden Veränderungen,die die Erledigung dieser wichtigsten Angelegenheit erfährt.
Um einen solchen zunächst inneren Prozeß, wie es dieWandlungen in den Anschauungen über Liebe und Liebes-beziehungen sind, zu erfassen, stehen uns zwei Wege derErkenntnis offen: Äußerungen repräsentativer Männer (undin diesem besonderen Falle auch ebensolcher Frauen) undkonkludente Handlungen Beteiligter. Die „Äußerungen“können sehr mannigfaltiger Art sein: sie können ex professoin Traktaten gemacht sein, die von der Liebe handeln,„ne’quali si ragiona d’amore“, wie es in den Asolani heißt;es können aber auch Dichtungen oder Werke der bildendenKunst sein, in denen sich der „Geist der Zeit“ widerspiegelt.Daß dieser „Geist der Zeit“ auch (und gerade) in diesemFalle immer nur der „Geist“ einer ganz bestimmten Gesellschafts-schicht ist, hier also der Hof- und Adelsgesellschaft und derer,die ihr nacheiferten, versteht sich von selbst. Das Liebes-ieben der Bürger entwickelt sich in grundsätzlich entgegen-gesetzter Richtung als das der Kavaliere (und gebiert denkapitalistischen Unternehmer am Ende).
Wie Wellen im Meere löst eine Lebensgestaltung dieandere ab. Die Welle, die uns jetzt trägt, hat mit der,deren Emporsteigen und Niederfallen wir hier verfolgen wollen,nichts zu tun: sie kommt aus den Zunftstuben und aus denPredigten Calvins und John Knoxens her, dorther, wo alleBegriffe von bürgerlicher Wohlanständigkeit ihren Ursprung